Simone Inzhagi – Aus dem Schatten des Bruders

Mitarbeiter des Tages, 05. April 2019: Simone Inzaghi

Von Sascha Staat

Simone Inzaghi, Jahrgang 1976 und geboren in Piacenza, verfolgt seit jeher der Schatten seines großen Bruder Filippo. Der war einst Torjäger vom Dienst bei Juventus und Milan, auch international eine Hausnummer und gewann mit Italien 2006 den WM-Titel. Als Trainer jedoch scheint er seinem “Fratello” etwas voraus zu haben. Aktuell sitzt er bei Lazio auf der Bank und betreut die erste Mannschaft seit 2016, nachdem er sich als Verantwortlicher diverser Jugendteams im Verein hochgearbeitet hat. Zwei Mal konnte er die Coppa Italia mit der “Primavera” ergattern, immerhin. Derweil wird “Pippo” als Coach ein wenig durchgereicht…

Dabei ist auch ein Mann für die Geschichtsbücher, zumindest war er das für ein paar Jahre. Denn Inzaghino, wie auch genannt wird, hielt bis zum 7. März 2013, als Lionel Messi Bayer Leverkusen zum Fraß vorgeworfen bekam und gleich fünf Mal ins Schwarze traf, den Rekord für die meisten Tore in einer Champions-League-Partie. Okay, er teilte ihn sich mit Größen wie Dado Prso oder Sergey Juran, aber immerhin. Im März 2000 wurde Olympique Marseille von Lazio mit 5:1 aus dem altehrwürdigen Stadio Olimpico gefegt, als die Biancocelesti noch eine formidable Startruppe aufboten. Dass er noch einen Elfmeter vergab, Schwamm drüber.

Nach seiner aktiven Karriere war schnell klar, dass Inzaghi den Weg des Trainers einschlagen würde. Eine Auszeit gönnte sich trotz insgesamt 16 Jahren als Profi nicht, sondern nahm das Angebot seines Clubs Lazio dankend an, um dort im Jugendbereich seine ersten Sporen als “Mister” zu verdienen. Nach dem ersten Jahr übernahm er die B-Jugend, nach weiteren drei Spielzeiten die A-Jugend. Als dann im April 2016 ein Nachfolger für Stefano Pioli gesucht wurde, stand Inzaghi parat und steht seitdem in der Serie A an der Seitenlinie.

Tommy Haas – Für immer jung

Mitarbeiter des Tages, 03. April 2019: Tommy Haas

Von Jens Huiber

Bei den BMW Open in München gibt es mindestens zwei schöne Traditionen: Zum einen ist das Spielerfeld nur dann komplett, wenn der Name Mikhail Youzhny ins Tableau gepinselt werden kann. Wie Patrik Kühnen, der Turnierdirektor, das in zehn bis fünfzehn Jahren machen wird, wenn Youzhny längst auf seiner Datscha an seinen Memoiren arbeitet, bleibt offen. Aber irgendwie wird der Russe am Start sein.
Ebenso traditionell sind allerdings die Rechenspiele, die Kühnen in Hinblick auf den Tennisspieler Tommy Haas anstellt. Nicht auf die Person, die wird am heutigen Mittwoch zarte 41 Jahre alt. Gemäß den Berechnungen von Patrik Kühnen aber sollte Haas immer noch auf dem Court stehen, abzüglich der gesamten Verletzungspausen in seiner Karriere wäre nicht auszuschließen, dass die langjährige deutsche Nummer eins eigentlich um einen Platz beim #NextGen-Masters, dem Saisonabschluss der besten Spieler im Alter von 21 Jahren und jünger, mitrittern sollte.
Macht Tommy Haas aber natürlich nicht. Warum auch? Haas hat als Turnierdirektor von Indian Wells den zweitgeilsten Job im Tennissport. Er singt gemeinsam mit Grigor Dimitrov und Roger Federer ein Gstanzl.

Wenn Tommy Haas ein paar Bälle schlagen möchte, ruft er Pete Sampras, Novak Djokovic und John McEnroe an.

Good for him. Denn Tommy Haas hat aus Sicht von uns Tennis-Aficionados fast alles richtig gemacht, vor allem auch in Hinblick auf eine weitere große Tradition, den Davis Cup: 1998 war Haas das erste Mal am Start, hat Wayne Ferreira in vier Sätzen paniert. 16 Jahre später dann noch einmal Doppel mit Philipp Kohlschreiber gegen Spanien angeboten, ein Sieg auch zum Abschied.

1998 hat der Autor Haas das erste Mal bei den US Open gesehen. Verglichen mit dem späten Haas athletisch mit ganz viel Luft nach oben, aber schon damals mit einer brillanten Rückhand gesegnet. 2002 stand Tommy Haas auf Platz zwei der Weltrangliste, 2009 im Halbfinale von Wimbledon – wo er gegen Federer verlor. Jenen Federer, den er ein paar Wochen zuvor in Paris hätte schlagen müssen, wäre nicht ein leichter Volley zu lang geraten. 2013 in Wien dann der letzte von 15 Titeln, alles gut.

Dass der zweitgeilste Job im Tennissport bald zum allergeilsten mutieren wird, ist übrigens ausgemacht: Severin Lüthi kann nicht ewig Coach und Begleiter von Roger Federer bleiben. Letzterer ist an Tennisjahren genauso alt wie in seinem Reisepass vermerkt.

Linford Christie – In die US-Lücke gestoßen

Mitarbeiter des Tages, 02. April 2019: Linford Christie

Von Jens Huiber

Helsinki 1983. Jeder aufrechte Sportfan sollte sich spätestens zum Anlass der damals, erstaunlicherweise, ersten Weltmeisterschaft der Leichtathleten mit den Grundfesten der Sprinter, Springer, Stoßer angefreundet haben. Zumal die Olympische Spiele davor in Moskau und danach, das war schon zu ahnen, in Los Angeles eines großen Teil der Medaillenkandidaten ermangelten. Der Politik sei Dank.

Und was haben wir frühen Tartan-Aficionados in Helsinki 1983 erkannt, natürlich für immer? Dass der schnellste Mann der Welt aus den USA kommen müsse. Und im Zweifel Carl Lewis heißen sollte. Der nicht nur schnell, sondern, genau so wie Michael Jordan  übrigens, auch ein ausnehmend gut aussehender Mann war. Vielleicht sogar noch ist, man sieht den Carl nur zu selten.

Carl Lewis verpasst Olympia-Qualifikation über die 100 Meter

Lewis gewinnt also 1983 vor dem bei weitem nicht so gut aussehenden Calvin Smith, 1984 in Los Angeles, 1988 nach Disqualifikation von Ben Johnson auch in Seoul. Theorie bestätigt: Im Zweifel sind die US-Amerikaner die schnellsten. Und im naiven Selbstverständnis des Teenagers auch sauber. Dass Carl Lewis im fortgeschrittenen Alter noch einmal den Schritt zur Zahnspange gewagt hat, hatte sicherlich nichts mit dem vehementen Einsatz von Wachstumshormonen zu tun.

Wie zum Henker konnte dann Linford Christie 1992 in Barcelona olympisches Gold holen? Nun, zum einen war Christie kein Nasenbohrer, hatte schon 1988 eine Bronzene geerbt. Dann war unser persönlicher Held Lewis bei den US Trials in der Qualifikation gescheitert. Und, nicht zu vergessen, natürlich stand Christie dem Rest des Feldes pharmazeutisch um nichts nach. Auch wenn er erst 1999 bei den Doping-Fahndern auffällig wurde. Einen Verdacht gab es schon 1988, aber dem IOC war die gute alte Ginseng-Tee-Ausrede gut genug.

Linford Christie leistet sich Fehlstart

Lewis also in Barcelona nicht dabei, Leroy Burrell sollte es für die Amis machen. Christie fabrizierte einen Fehlstart, beim nächsten Versuch passte Dennis Mitchell etwas nicht, der dritte Schuss saß. Und Christie machte es wie Carl Lewis und später Usain Bolt: eher bescheidener Start, dann das Feld von hinten paniert. Und in 9,96 Sekunden über die Ziellinie gelaufen. Eine Zeit, für die Bolt nicht einmal aufgestanden wäre, aber der konnte ja auf die Kräfte der jamaikanischen Spätkartoffel vertrauen.

Linford Christie also Olympiasieger, der offiziell schnellste Mann der Welt anno 1992. Was ja fast zwangsläufig zum Rittertitel in Großbritannien führt. Und irgendwie kann man Christie nach der Jan-Ullrich-Theorie nicht böse sein: es ist davon auszugehen, dass er niemanden betrogen hat. Zumindest niemanden, der in Barcelona gegen ihn gelaufen war.
Linford Christie wird heute 59 Jahre alt.

Toni Innauer – Unterhaltung durch Fairness

Mitarbeiter des Tages, 01. April 2019: Toni Innauer

Von Thomas Hahn

Toni Innauer hat mittlerweile viele Berufe, er ist Berater, Vortragender, Autor, Fernsehkommentator, Agentur-Inhaber. So richtig alt ist er auch noch nicht:  61 wird er am 1. April. Er wirkt drahtig, wachsam, dem Weltgeschehen zugewandt, tatendurstig, kein bisschen müde. Deshalb fände er es bestimmt selbst keine besonders gute Idee, ihn jetzt schon für sein Lebenswerk zu würdigen.

Andererseits hat Toni Innauer 2010 seine Karriere als Skisprung-Faktotum beendet und damit ein Wirken, mit dem er es zu einer der prägendsten Gestalten dieses kleinen Weltsports brachte. So gesehen hat Toni Innauer tatsächlich etwas abgeschlossen, das man ein Lebenswerk nennen könnte und von dem sich manch eiskalter Spaßsportvermarkter etwas abschauen könnte. Toni Innauer gehört zu den Sportsgeistern, die Profisport nie nur als Gewerbe verstanden haben. Er ist ein passionierter Fliegenfischer, ein Naturfreund also, der nicht nur etwas rausholen will aus den Flüssen, sondern auch sicherstellen, dass die Flüsse als Lebensraum funktionieren. Genauso war seine Herangehensweise an den Sport.

Er wollte Medaillen gewinnen, aber nicht um den Preis einer falschen Moral, die den Sport letztlich kaputt macht. Unterhaltung durch Fairness, das ist ein Innauerscher Grundgedanke, und so hat er im Österreichischen Skiverband (ÖSV) dann auch gewirkt nach seinen Anfangsjahren als Lehrer und Trainer am Skigymnasium Stams. Der Vorarlberger Innauer, selbst Olympiasieger von der Normalschanze 1980 in Lake Placid und wegen einer Verletzung schon mit 22 aus der Sportlerlaufbahn geworfen, wollte einen Leistungssport mit Hauptdarstellern, die nicht nur Siegertypen, sondern echte Vorbilder sind. 

Nach der kurzen Athletenkarriere absolvierte er ein Lehramtsstudium für Philosophie/Psychologie und Sport und ließ sich bald auf die Herausforderung ein, neue Wege zum Sieg zu finden. Als Cheftrainer und Sportdirektor im ÖSV leitete er mit modernsten Trainingsmethoden und menschenfreundlicher Psychologie eine goldene Ära um charakterfeste Springer wie Gregor Schlierenzauer oder Thomas Morgenstern. Als Funktionär trug er dazu bei, dass der Weltskiverband Fis das Skispringen von einer Materialschlacht zwischen Fliegengewichten zu einem Wettbewerb unter Athleten entwickelte. Sogar der Deutsche Skiverband (DSV) profitierte von Innauers Aufbauarbeit. Der DSV-Erfolgstrainer Werner Schuster ist ein Mann aus der Innauerschen Schule.

Querdenker wie Toni Innauer sind selten. Dass der ÖSV ihn nicht ewig halten konnte, liegt wohl auch in der Natur dieses Gewerbes Spitzensport, das zu oft einfältig und vereinnahmend ist. Toni Innauer wollte frei sein als Unternehmer und Gelehrter, der noch an den Sport als Lebensschule glaubt. Das ist er jetzt und wirkt dabei agiler denn je.