Diese Woche … bei Eintracht Frankfurt, KW 20

Von Patricia Seiwert

Frankfurt kann alles, aber nicht normal 

Die Saison neigt sich dem Ende zu und mit ihr sich auch die Kräfte – nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei den Fans. In der letzten Woche stand für die Eintracht das alles entscheidende Rückspiel im Halbfinale der Europa League an, sowie das vorletzte Bundesligaspiel gegen Mainz 05, in dem ein Unentschieden reichen würde, um Platz 6 und somit die direkte Europa League Qualifikation zu erreichen. 

Mit ein paar Tagen Abstand möchte ich noch einmal auf die eindrucksreiche vergangene Woche zurückblicken. 

Ein Drama in drei Akten im englischen Theater

In der bisherigen Europa League Saison jagte ein Highlight das nächste: große Namen als Gegner, noch größere Choreos im heimischen Stadtwald und Pilgerfahrten quer durch Europa, mitunter in namhafte Stadien. 

Doch der absolute Höhepunkt sollte am vergangenen Donnerstag folgen. Die Chance auf das Finale in Baku war zum Greifen nah. Der große Traum lebte und sollte in London an der Stamford Bridge gegen eine Mannschaft auf Champions League Niveau endlich Realität werden. 

Trotz des klischeehaften regnerischen Wetters machten sich tausende Adler auf den Weg auf die Insel. Bereits Stunden vor dem Anpfiff schallten Frankfurter Fangesänge durch die britische Hauptstadt und ließen nur erahnen, was im Stadion auf die Mannschaft wartete. 

Schon die Anfahrt des Teams zur Spielstätte war alles andere als normal. Die Fans stimmten die Jungs im Bus schon einmal auf den großen Abend ein. 

Die äußeren Umstände waren also bereits groß und ließen auf einen gefühlsträchtigen Abend hoffen. Was jedoch folgte, sprengte jeden emotionalen Rahmen. Die Partie war ein Drama in drei Akten, das mit stehenden Ovationen enden sollte. 

Der erste Akt erstreckte sich über 90 Minuten plus ein paar Minuten Nachspielzeit. Alles war angerichtet für einen Abend, der seinen dramaturgischen Bogen deutlich überspannte. 

Trotz Auswärtsspiel klangen die Frankfurter Fangesänge durch das Londoner Stadion, das abgesehen vom Gästeblock gespickt war von Sponsorenfähnchen und großen Teilen eines Operettenpublikums. Darunter gemischt einige Hessen, die sich erst nach Abpfiff im sich leerenden Stadion zu erkennen geben konnten, denn Gästefans waren im neutralen Bereich offiziell nicht erlaubt. 

Die Partie lief und die Eintracht lief auch heiß. Dass das 1:0 für Chelsea in der 28. Minute durch den schon im Hinspiel überragenden Loftus-Cheek fiel, war kaum ein Dämpfer, denn die Ausgangssituation änderte sich dadurch nicht wirklich. Die Frankfurter mussten hier treffen, mindestens einmal, um sich in die Verlängerung zu retten. Und genau das taten sie auch. Nach einer ersten Halbzeit, in der die Blues das Spiel wie erwartet dominierten, kam die Eintracht angestachelt aus der Kabine zurück aufs Feld. Keine fünf Minuten dauerte es, ehe Luka Jovic in der 49. Spielminute den Ausgleich markierte. Dies war die logische Konsequenz, dachte sich auch Ante Rebic, der noch zu jubeln begann, bevor sein Teamkollege den Ball überhaupt im Tor untergebracht hatte. 

Spätestens jetzt war richtig Feuer in der Partie. Die Adlerträger kämpften und kämpften und kämpften. Besonders die Defensive leistete ganze Arbeit, sodass ein Giroud quasi gänzlich verschwand und auch Topstar Hazard kaum zum Zuge kam. 

Man kann sogar behaupten, dass die Eintracht in der zweiten Hälfte das bessere Team war, denn vom dominierenden FC Chelsea war nicht mehr viel übrig. Die Adler hielten die Konzentration hoch. So hoch, dass der Spielstand nach 90 Minuten tatsächlich immer noch 1:1 lautete. 

Dieses Ergebnis läutete den zweiten Akt ein: die Verlängerung. Mittlerweile war die Anspannung ins Unermessliche gestiegen. Die Frankfurter Eintracht steht im Halbfinale der Europa League gegen den FC Chelsea auf dem Platz, begegnet diesem Topteam auf Augenhöhe und hat in der nächsten halben Stunde die Möglichkeit, das Finalticket nach Baku zu lösen. 

Es war bis hierhin ein Spiel, dem es an nichts mangelte, erst recht nicht an Spannung. 

Und beinahe, ja beinahe wäre es in der Verlängerung passiert: Haller, der nach seiner Verletzungspause endlich zurückkehrte und in dieses Halbfinale eingewechselt wurde, hatte das 2:1 auf dem Fuß. Leider aber nicht genau genug, denn er traf den Ball nicht richtig sodass ihn David Luiz in letzter Sekunde von der Linie kratzen konnte. 

Zweimal hätte Haller es fast geschafft, die Eintracht ins Finale zu schießen. Es war zum Haare raufen, zumal ich mich so weit aus dem Fenster lehne und behaupte, dass ein Tor zu diesem Zeitpunkt den Sieg bedeutet hätte. Aber so sollte es nicht kommen. 

Tatsächliche folgte der dritte Akt. Der Abend fand seinen kaum auszuhaltenden dramaturgischen Höhepunkt im so undankbaren Elfmeterschießen. Nach 120 Minuten Kampf und völliger Hingabe sollte der Einzug ins Finale nun auf diese Weise entschieden werden. Der emotionale Ausnahmezustand, der sich über das ganze Spiel hinweg stetig aufbaute, gipfelte nun in diesem Moment. 

Kaum ein Fußballfan konnte in dieser Phase der Partie ruhig zuschauen und diejenigen, die es mit der Eintracht halten sowieso nicht. Ob im Stadion auf den Rängen mit der Hand vor den Augen oder dem Rücken zum Spielfeld, im Pub mit einem Bier halb unter dem Tresen zusammengekauert oder zuhause auf der Couch, die Hände fest in das nächstbeste Kissen gekrallt – keiner wusste, wie er in dieser Situation seinen an Grenzen stoßenden Gemütszustand auch nur halbwegs in den Griff kriegen sollte. 

So langsam sich diese unerträgliche Anspannung über die ganze Woche vor dem Spiel und während den letzten 120 Minuten aufbaute, so abrupt löste sie sich, als letztendlich Hazard nach verschossenen Elfmetern von Hinteregger und Paciência traf und somit alles klar machte. 

Ganz plötzlich war die diesjährige Europa League Teilnahme zu Ende und mit ihr all die Anspannung. In diesem Moment als Hazard traf, fiel all der Ballast ab – bei dem einen in Form von Tränen, bei dem anderen in einem kurzen Moment des Schmerzes oder der Leere, aber bei allen, bei der Mannschaft, beim Trainerteam, beim Team hinter dem Team, bei den Fans, überwog am Ende vor allem der Stolz und das Glück. Stolz auf diese so außergewöhnliche Saison, auf diese verrückte Reise durch Europa, auf all diese magischen Nächte im heimischen Stadion und auf diesen unvergleichbaren Zusammenhalt im ganzen Verein. Pures Glück, das alles erleben zu dürfen. 

Und wie wunderbar die Fans die enttäuschte Mannschaft, die nach Spielende kollektiv auf den Boden sank, im Stadion, dass die Frankfurter wenige Minuten nach Spielende für sich alleine hatten, wiederaufbaute, ließ einen sprachlos zurück. Das Bild des Abends steht für das, was Eintracht Frankfurt für uns alle ist. Der tragische Held des Abends, Martin Hinteregger, der nach 120 perfekten Minuten im entscheidenden Elfmeterschießen nicht das nötige Glück hatte, im Arm eines Ultras. Dieses Bild spricht mehr als tausend Worte. 

Die launische Diva und ihr Problem mit Matchbällen

Der Traum vom Europa League Titel bleibt also vorerst ein Traum, immerhin aber einer aus dem man mit einem wohligen Gefühl und einem Lächeln im Gesicht aufwacht. 

Um jedoch schnellstmöglich die Chance zu bekommen, diesen Traum in Zukunft doch noch zu erfüllen, musste bereits drei Tage nach dem emotionsgeladenen Abend in London zumindest ein Unentschieden im letzten Heimspiel der Saison gegen die Nachbarn aus Mainz her. 

Doch nicht umsonst ist die Eintracht auch unter dem Namen „launische Diva“ bekannt. Die letzten Wochen haben die Adler diesem Namen alle Ehre gemacht: lethargische Partien in der Bundesliga, glanzvolle Auftritte in Europa und zuletzt eine schmerzhafte 6:1 Niederlage gegen Leverkusen auf die eine Partie folgte, in der man mit Chelsea auf Augenhöhe agierte. 

Gegen Mainz 05, für die es in diesem Spiel um nichts mehr ging, die aber große Lust auf einen Sieg mitgebracht hatten, blitzte immer wieder der Wille durch, zuhause Europa einzutüten bevor es zum Saisonabschluss zum FC Bayern geht. Dennoch reichte der Wille alleine nicht aus, um die körperliche Erschöpfung nach 120+ Minuten in London wettzumachen. Erst recht, weil der einzige Personalwechsel Fernandes für den seit London verletzten Rode (Knorpelschaden) darstellte. 

Einige gute Aktionen präsentierten die Adlerträger, wie beispielweise Filip Kostic der nach einem Ballgewinn am Boden nach einem klasse Sprint mit unmenschlichen Reflexen aufsprang, dem Ball hinterherhechtete um dann noch seinen Körper gegen seinen Gegenspieler zu stemmen und letztendlich Ante Rebic mit dem perfekten Pass zu bedienen, der diesen schlussendlich leider deutlich über das Tor beförderte.

Doch dies reichte am Ende nicht gegen frische, befreit aufspielende Mainzer. In der zweiten Halbzeit machten die Gäste in Person von Anthony Ujah mit zwei Treffern den Sack zu. 

Alle Adleraugen auf das Saisonfinale richten

Erneute Leere machte sich breit, hatte man doch zum wiederholten Male die große Chance verspielt, die erneute Europa League Teilnahme klarzumachen. Doch was nun? Aufgeben ist sicherlich keine Option. Die Fans leisteten nach dem Spiel abermals Aufbauarbeit. 

Richtig so, denn obwohl der nächste Gegner FC Bayern München heißt, ist noch lange nichts verloren. Realistisch gesehen ist der Rekordmeister der Eintracht zwar nominell sowie formtechnisch überlegen. Denkt man aber ans Vorjahr zurück, weiß man auch, dass dies zunächst nichts zu heißen hat. Jedem Eintracht-Fan schweben die Bilder vom Pokalfinale noch im Kopf herum als sei es gestern gewesen. Wieso eigentlich sollte sich ähnliches nicht wiederholen? Zumal die Eintracht in dieser Saison eindrucksvoll bewiesen hat, dass sie es mit den ganz Großen aufnehmen kann – sogar nach Rückschlägen und mit einer langen Saison in den Beinen. 

Nach wie vor reicht den Hessen für den 6. Platz, der dieser glorreichen Saison ein würdiges Ende verpassen würde, ein Unentschieden gegen die Münchner, die mit ebendiesem Ergebnis auch den Meistertitel verteidigen könnten. 

Sogar die Champions League ist theoretisch noch drin, jedoch hat die Eintracht dies nicht in eigener Hand. Um Platz 4 zu erreichen, müssten bei einem Frankfurter Sieg, der die Grundvoraussetzung ist, gleichzeitig Gladbach und Leverkusen Punkte liegen lassen. 

Das Worst-Case-Szenario träte ein, wenn die Frankfurter keinen Punkt aus München mitnehmen könnten und zeitgleich die Konkurrenz in Form von Wolfsburg und Hoffenheim siegen würde. Dies würde Platz 8 für die Adler bedeuten. Siegt nur eine der beiden Mannschaften bei Niederlage der Eintracht, bliebe der undankbare 7. Platz, bei dem in der Vorbereitung auf die neue Saison Qualifikationsspiele für Europa anstehen würden. 

Aber genug von den möglichen Szenarien, der Blick muss nach vorne gerichtet werden. Das Saisonfinale naht und ein letztes Mal wird gefordert, alles zu geben für das gemeinsame Ziel, bevor sowohl für die Mannschaft als auch für die Fans ein Sommer der körperlichen und mentalen Regeneration in Aussicht steht. Richtig gelesen, auch die Anhängerschaft muss körperlich regenerieren, denn besonders das Fan-Herz wurde in den vergangenen turbulenten Monaten übermäßig belastet und auch die Leber des ein oder anderen braucht sicherlich mal eine Verschnaufpause, gab es doch genug Gründe zum Anstoßen. 

Doch wenn man sich noch einmal die vielen Eindrücke dieser großartigen Saison vor Augen führt und Spieler in den Armen von Fans sieht, sowohl im Sieg als auch in der Niederlage, dann weiß man, wofür man sich all das immer wieder aufs Neue antut. Es sind nicht nur Siege für die wir den Fußball und unseren Verein so sehr lieben, es sind diese besonderen Momente. 

Und vielleicht, ganz vielleicht, dürfen wir am letzten Spieltag noch einmal einen solchen erleben. 

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