Diese Woche… bei Eintracht Frankfurt, KW 36

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Ante Rebić – Vom Leihspieler zur Legende

von Patricia Seiwert

In allerletzter Minute stand es offiziell fest: Ante Rebić verlässt Eintracht Frankfurt in Richtung Italien. Doch als der Kroate vor drei Jahren den Weg an den Main fand, ahnte noch keiner, wie emotional dieser Abschied werden wird.

Und doch gab es von Sekunde eins an dieses Gefühl, diese Vorahnung, dass genau dieser junge Mann, der damals zarte 22 Jahre auf dem Buckel hatte, etwas Besonderes sein könnte.

Warum? Das lässt sich schwer sagen. Vielleicht war es schon damals seine Ausstrahlung, die sich von allen anderen abhob. Seine bisherige Vita jedenfalls ließ eine solch rasante Entwicklung, welche Ante Rebić innerhalb weniger Jahre in Frankfurt nehmen sollte, kaum erwarten.

Die ersten Schritte im Fußball in Kroatien gegangen, sollte seine erste Station in einer europäischen Top-Liga das schöne Florenz sein. Doch dort wurde schnell klar, dass er keinen Platz in der Mannschaft hat. Und so begann eine Odyssee an Leihen. Zum ersten Mal Bundesligaluft schnupperte das junge Talent jedoch nicht in Hessen, sondern bei RB Leipzig. Dass er dort, in dieser scheinbar perfekt getakteten, höchst rationalen Maschinerie, in der man vergeblich nach Emotionalität sucht, nie so richtig ankam und sich infolgedessen auch nicht durchzusetzen vermochte, wundert mit heutigem Wissensstand wohl keinen mehr.

Denn schon damals wurde ihm ein schwieriger Charakter nachgesagt. Dass dieser Charakter jedoch weitaus mehr als „schwierig“ ist, eher eine gewisse Komplexität anmuten lässt, sollte kurze Zeit später weiter südwestlich in der Republik klar und deutlich werden.

Vorher aber ging es per Leihe noch einmal nach Verona, doch auch andernorts in Italien fand Rebić nicht sein Glück. Es passte einfach nicht. Und so verlieh der AC Florenz seinen Rohdiamanten munter weiter, diesmal mit dem Unterschied, dass es endlich passen sollte – und wie!

Im Sommer 2016 trat Ante Rebić seinen Job beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt an und fand bei diesem Verein, dessen Verbleib in der höchsten deutschen Liga wenige Wochen zuvor noch auf Messers Schneide stand, scheinbar genau den Platz, den er gesucht hatte – zunächst als Leihspieler, später als Festverpflichtung. Die Eintracht war zu diesem Zeitpunkt und lange vorher wahrlich kein glamouröser Klub, doch was sie auszeichnete war die tiefe Verwurzelung in der Stadt, im Herzen der Fans und ein Zusammenhalt, den man in dieser Form woanders oft vergeblich sucht – Emotionalität pur. Und inmitten dieser warmen Umgebung fand Ante Rebić in kurzer Zeit sehr vieles: neue Freunde, den scheinbar weltbesten Frisör, den er sich bis heute überall hin einfliegen lässt und einen Trainer, der bald zu einer Art „Papa“ für das junge Talent werden sollte.

Die Rede ist von Landsmann Niko Kovac. Gekommen war er, um die Eintracht vor dem Abstieg zu bewahren. Dies gelang ihm, indem er einer Mannschaft, mit der keiner – und am wenigsten sie selbst – noch rechnete, Kampfgeist und neuen Willen einflößte.

Auch das ist ein wichtiger Punkt, weshalb Rebić letztendlich so ideal zu Eintracht Frankfurt passte. Denn nicht nur sein vermeintlich schwieriger Charakter oder die Tatsache, dass er seinen eigenen Kopf hat, zeichnen den Kroaten aus. Nein, auch Leidenschaft, Kampfgeist und unbedingter Wille sind in ihm vereint.

Und eben weil sich alles so gut zusammenfügte, sollte Rebić gemeinsam mit dem Rest des Teams, den Trainern, dem Team hinter dem Team und nicht zuletzt den Fans in Frankfurt eine neue Ära prägen.

Dass dies zwar rückblickend rasant passierte, bedeutet nicht, dass es nicht auch Rückschläge gab. Zwar schloss besonders der treue Anhang der Eintracht seinen neuen Liebling schnell ins Herz, doch schien er auch immer mal wieder strenge Ermahnungen zu brauchen, um der mitreißende Spieler auf dem Platz zu sein, den die Fans so liebten.

Hin und wieder lernte man seine andere Seite kennen: bockig, abwinkend, bis zum Anschlag genervt, konnte er wirken. Doch die schockverliebten Fans nahmen ihm ohnehin wenig übel und Papa Kovac wusste, wie er seinen Schützling anpacken muss. Kurzerhand rügte er seine fehlende Bereitschaft defensiv mitzuarbeiten in aller Öffentlichkeit, bevor sich Ante Rebić zum absoluten Leistungsträger mauserte.

Fast wie in einer Symbiose mit seinem Verein, reifte der heutige Vize-Weltmeister zu einem Juwel heran. Und derselbe Verein, der kurz zuvor noch um den Klassenerhalt bangte, stand im Mai 2017 plötzlich im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund. Denkbar knapp scheiterten die Hessen mit einem Endstand von 2:1 am Favoriten. Den zwischenzeitlichen Gleichstand aber erzielte kein geringerer als Ante Rebić. Ein Pokalheld war geboren.

Genau ein Jahr später nämlich, kehrte er mit der Eintracht zurück ins Berliner Olympiastadion. Mittlerweile gemeinsam mit seinem „Bruda“, Kevin-Prince Boateng, der den Ball lang schlagen sollte. Und genau das tat dieser, gegen den Rekordmeister FC Bayern München.

Und Ante? Ante traf. Zwei Mal. Was dann geschah, bleibt für immer unvergessen und rührt bis heute jeden, der es mit der Eintracht hält, zu Tränen. Nachdem Rebićs Kumpel Mijat Gaćinović alleine den gefühlt unendlich langen Weg aufs gegnerische Tor zu rannte, einnetzte, der Abpfiff durch die Weiten des Berliner Stadions hallte und sofort durch astronomisch laute Jubelschreie zum Verstummen gebracht wurde, waren sie alle Helden. Und besonders Ante Rebić hatte sich an diesem Abend unsterblich gemacht. Trat er zuvor auf dem Feld mit voller Entschlossenheit auf, mit einem Kampfgeist, der über die Ränge im Stadion bis zuhause auf dem Sofa jeden ergriff, so schrie er sich mit Tränen überströmt die Seele aus dem Leib, als all die Anstrengung von ihm abfiel. Ganz fest griff der Spieler des Spiels sich den Adler auf der Brust, schloss die Augen und ließ seinen Emotionen freien Lauf, gemeinsam mit seinem Team, gemeinsam mit den Fans. Unvergessene Momente, über die Bilder mehr aussagen als tausend Worte.

Da war sie, die andere Seite des Ante Rebić. Fast schon sensibel wirkt er so, wenn man ihn mit dem Bullen vergleicht, den er auf dem Rasen verkörpert. Und dass der Kroate auch anders kann als wild und stürmisch, wird besonders in Interviews klar, die er nur dann antritt, wenn er wirklich muss. Da wirkt er schüchtern, fast schon verlegen. Er schaut auf den Boden, redet allerhöchstens in zwei sehr ähnlich klingenden Tonlagen und manchmal, da huscht ihm ein Lächeln über die Lippen. Es wirkt eher wie das Lächeln des kleinen kroatischen Jungen, der er mal war. Vom raubtierartigen Angreifer auf dem Platz ist hier keine Spur.

Ante Rebić ist kein Mann der großen Worte. Das muss er auch gar nicht sein, denn seine unfassbar starke Ausstrahlung spricht für sich. Und auch wenn er nicht sagt, was er fühlt oder wie es um seine Laune steht, er lässt es einen garantiert spüren.

Dass dies auch mal unschön sein kann, zeigten die letzten Wochen vor seinem Abschied eindrucksvoll. Im Play-off Hinspiel in Straßburg lieferte er eine seiner schlechtesten Halbzeiten für die Eintracht ab und befeuerte somit noch einmal die Gerüchte, dass er im Geiste bereits für einen anderen Verein aktiv sei. Trainer Adi Hütter hatte nach diesen 45 Minuten, die weder ihm noch den mitgereisten Fans gerecht wurden, nur noch die Bank für den Kroaten übrig, der daraufhin offiziell wegen Wadenproblemen auch das Auswärtsspiel in Leipzig sausen lassen musste.

Doch Ante Rebić wäre nicht Ante Rebić, wenn er sich nicht wieder aufrappeln würde. Im Play-off Rückspiel im Waldstadion kehrte der Kroate mit all seinen Vorzügen zurück in die Startelf und legte eine Wucht an den Tag, die ihresgleichen sucht.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand sicher wusste: es sollte das letzte Spiel des Fanlieblings im Dress der Adler sein. Ante aber spielte, als wolle er sich würdig verabschieden, hier in seinem Wohnzimmer, in dem er zu dem Spieler mit Topformat reifte, der er heute ist. Er lief an, stritt sich um jeden Ball, scheute keinen Zweikampf und die Entschlossenheit brannte wieder in seinen Augen. Erst ballerte er einen Ball mit solch einem Zug in den gegnerischen Strafraum, dass dem Verteidiger keine andere Chance blieb, als das Rund unwillentlich ins eigene Tor zu verfrachten und dann rannte er gegen Ende der ersten Halbzeit auf den Straßburger Torwart zu, dem Ball hinterher. Dieser war noch frei, beide Spieler vollends entschlossen, ihn zu ergattern und plötzlich rauschte Rebić in den Keeper hinein. Dass der Kroate noch zurückzog und der Ball vor dem Zusammenstoß, der letztendlich keineswegs so schlimm war, wie der in Theatralik geübte Torwart ihn erscheinen ließ, noch frei war, interessierte den Unparteiischen scheinbar herzlich wenig. Und so endete die Partie für den Kroaten schon deutlich vor dem Schlusspfiff mit einem Platzverweis.

Im Zusammenhang des ganzen Spiels eine sehr ärgerliche Szene, doch die Frankfurter (alle, sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen und vielleicht sogar in der Kabine) zogen aus ihrem Unmut nur noch mehr Kraft, sodass sie trotz Hinspielniederlage in die Gruppenphase der Europa League einzogen.

Und Rebićs Abschied hätte ikonischer nicht sein können. Nicht nur, dass sich ganz Große gerne mal mit roten Karten aus wichtigen Spielen verabschieden (Liebe Grüße an Zinédine Zidane), nein auch, dass er noch einmal ausgiebig mit der Mannschaft vor der heimischen Nordwestkurve feiern durfte. Und als wäre das noch nicht kitschig genug, ertönten Sprechchöre, einzig und allein für ihn. Für den Mann, der in den letzten Wochen viel Kritik einstecken musste. Für den Unterschiedsspieler von Eintracht Frankfurt: Ante Rebić.

So versöhnlich der Abschied klingt, so herzzerreißend war dennoch die offizielle Bekanntgabe, dass nach den beiden Topstürmern Sébastien Haller und Luka Jović mit Ante Rebić nicht nur der letzte Büffel, sondern auch ein Ausnahmespieler in jeder Hinsicht, der Eintracht den Rücken kehrt.

Die Autorin dieses Textes müsste lügen, wenn sie behaupten würde, sie habe nach dieser Meldung nicht die ein oder andere Träne vergossen. Denn Ante Rebić war nicht nur einer der talentiertesten Spieler, die Eintracht Frankfurt in ihren Reihen begrüßen durfte, sondern auch ein großartiger Charakter mit Ecken und Kanten und vor allem mit unendlich großem Lieblingsspielerpotenzial.

Eine waschechte Diva, für die die launische Diva vom Main nicht besser hätte passen können. Ein Spieler, der in seiner Freizeit mit Mannschaftskollegen in Frankfurter Hinterhöfen so herrlich normal Baguettes der Eigenmarke einer großen Supermarktkette verspeist. Ein Spieler, dessen Launen mich an meine eigenen erinnern, der dadurch in einem oft so kalten, rationalen Business so menschlich ist. Dessen Lächeln und dessen Tränen zeigen, wie viel Gefühl in ihm steckt und dessen liebevolle Gesten gegenüber dem Verein entgegen einiger Behauptungen meiner Meinung nach nicht gespielt waren.

Ante Rebić wird in ruhigen Momenten immer wieder an seine Zeit in Frankfurt zurückdenken und wird sich dabei hoffentlich ein kleines Lächeln nicht verkneifen können. Denn auch hier am Main wird er nie vergessen sein. Im Gegenteil.

Es bleibt mir, Danke zu sagen. Für die großartige Zeit, deinen Einsatz, deinen absoluten Willen und dass du mir, die aufgrund ihres jungen Alters bisher kaum Spieler eines solchen Formats bei der Eintracht bestaunen durfte, gezeigt hast, was Begeisterung für ein Genie mit einem Fußballfan anstellen kann.

Ante, du hast in Frankfurt, bei der Eintracht und vor allem im Herzen zahlreicher Fans immer ein Zuhause, dessen Türe dir jederzeit offensteht. Und nun flieg, Adler. Lass dich nicht verbiegen und zeig der Welt, dass du mehr bist als ein Teilzeitchaot. Zeig ihnen, dass du ein ganz Großer bist!

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