Diese Woche… bei Eintracht Frankfurt, KW 45

Von Patricia Seiwert

Wingardium Leviosamstag – Die Eintracht schwebt über den Platz

 War geil.

Eigentlich wäre mit diesen beiden Worten alles gesagt. Sie würden vielleicht halb Fußballdeutschland, mindestens aber allen denen, die es mit Eintracht Frankfurt halten, aus der Seele sprechen.

Da die Autorin dieses Textes ihre Aufgabe, die Geschehnisse und die Gefühlslage in Frankfurt schriftlich festzuhalten und das dabei entstandene Textstück dann in den Weiten des Internets zu verteilen, aber sehr ernst nimmt, folgen nun ein paar weitere Zeilen zu einem spektakulären Bundesliganachmittag in der Mainmetropole.

Wechselhaft war das Wetter an besagtem Samstagnachmittag. Standen vor Anpfiff der Partie noch rund ums Stadion herum zehntausende Menschen, die die sich durch die Wolken kämpfenden Sonnenstrahlen genossen, so brachen pünktlich zum Anstoß die Wolken und ein Schauer ergoss sich über den Frankfurter Stadtwald.

Beständig gut hingegen sollte die Laune der heimischen Fans an diesem Tag bleiben. Kaum einer derjenigen, die sich vor Beginn des Spiels das ein oder andere Kaltgetränk genehmigten und darüber philosophierten, wie das kurz bevorstehende Spiel gegen den FC Bayern München denn nun verlaufen könnte, hätte wohl mit dem gerechnet, was sich letztendlich ereignete.

Ein Sieg für die Bayern, die zwar zuletzt schwächelten, aber eben trotzdem noch die Bayern sind? Wahrscheinlich. Eine hart umkämpfte Partie, die am Ende keinen Sieger findet? Möglich. Ein knapper Sieg für mutig aufspielende Frankfurter? Wäre schön.

Sicher witzelte auch hin und wieder jemand darüber, dass man die Münchner in ihrer jetzigen Form doch abschießen müsse. Doch die wenigsten hätten mit dem Ergebnis gerechnet, das nach 90 Minuten auf der Anzeigetafel zu sehen war: ein 5:1 für die Heimmannschaft. Sechs Tore in einem Spiel, von denen eine ganze Hand voll aufs Konto der Adlerträger geht.

 

Schon während des Spiels bündelten sich Freude, Stolz, Erstaunen und ein kleines bisschen Unglaube in der Frankfurter Fan-Seele, während dem mitgereisten Bayern-Anhang zunächst blankes Entsetzen, am Ende aber eine resignierende Gleichgültigkeit in den Gesichtern stand.

Wie die Eintracht den deutschen Rekordmeister derart deklassieren konnte? Mit Cleverness, Spaß am eigenen Spiel, Unersättlichkeit und mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen, das auch nicht schwand, als die Gäste zwischenzeitlich durch ein ansehnliches Lewandowski-Tor auf 2:1 verkürzen konnten.

Sicherlich spielte den Frankfurtern auch in die Karten, dass sich bereits in der 9. Minute eine Schlüsselszene ereignete. Nachdem die ersten Minuten des Spiels eher die Gäste aus München am Drücker waren, entstand aus einer gelungenen Abwehraktion von Martin Hinteregger eine Gelegenheit zum Kontern, an deren Ende Gonçalo Paciência nur noch an Jérôme Boateng vorbeimusste, um alleine vor Torhüter Manuel Neuer aufzutauchen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Boateng, dem es an Spielpraxis mangelt und der bei den Bayern durch die Verletzungen der Innenverteidiger Süle und Hernández quasi als Notnagel die Abwehrreihe komplettieren soll, setzte zur klärenden Grätsche an, traf dabei aber nicht das Rund, sondern den Frankfurter Stürmer.

Seine Entscheidung auf Elfmeter und gelb für Boateng, revidierte Schiedsrichter Markus Schmidt nach Eingreifen des Videoassistenten. Das Foul fand vor dem Strafraum statt und so gab es zwar keinen Elfmeter, aber rot für den Innenverteidiger des FC Bayern, der mit Paciência den letzten Mann, in dieser aus Sicht der Gäste verhängnisvollen Kontersituation, zu Fall brachte.

80 Minuten in Unterzahl standen für den amtierenden deutschen Meister nun an und obwohl aus der Freistoßsituation noch kein Tor für die Hessen entstand, sollte es sich ab hier zu einem sehr einseitigen Spiel entwickeln. Bis auf den deutlich angesäuerten Manuel Neuer, der eine noch höhere Niederlage seiner Mannschaft zu verhindern wusste und Robert Lewandowski, der durch seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1 ein deutliches Lebenszeichen gab, wirkte die gesamte Mannschaft des FC Bayern München blutleer.

Quicklebendig hingegen waren zum einen das Frankfurter Publikum, dessen Selbstverständnis, die besten Fans der Liga zu sein, durch Ex-Trainer und Bayern-Trainer Niko Kovač im Vorfeld des Spiels noch einmal bestätigt wurde, und zum anderen die Jungs auf dem Rasen, die die Ränge regelmäßig so akribisch anfeuern. Mit jeder neuen Spielminute, die anbrach, sah man der heimischen Mannschaft den Spielspaß mehr und mehr an. Folgerichtig gingen die Adler in der 25. Minute durch Kostić in Führung. Ab jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Djibril Sow baute die Führung mit seinem ersten Treffer für die Eintracht keine zehn Minuten später aus. Dieses 2:0 verdient den Titel „Perfektion“. Von der Entstehung bis hin zum Abschluss symbolisierte dieses Tor alles, was das Spiel der Frankfurter an diesem Nachmittag so ansehnlich machte, allem voran die Leichtigkeit. Hinteregger eröffnete den Spielzug mit einem Pass auf Dost. Dieser leitete den Ball in bester One-Touch-Manier auf Paciência weiter, dieser wiederum mit nur einer Berührung mit der Hacke weiter auf den nachrückenden Rode, der im gleichen Atemzug den Ball wieder für den Portugiesen ablegte. Dieser spielte nach links auf Filip Kostić ab, dessen abgefälschte Flanke Sow fand, der den Ball Volley nahm und ins Tor der Bayern knallte – eine Szene, an der sich Ästhetik-Liebhaber niemals satt sehen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=tMnHgZcAf0s

Vor der Pause fiel nur noch der ebenfalls nett anzuschauende Anschlusstreffer durch Lewandowski, der durch eine Drehung mal ganz nebenbei drei Frankfurter an deren Strafraum stehen ließ und anschließend im Vorbeigehen einnetzte. Dies war der letzte Moment, an dem sich die Eintracht-Anhänger an diesem Nachmittag ärgern sollten.

Was in der zweiten Halbzeit folge, läuft unter dem Namen „Pure Extase“. In den verbleibenden 45 Minuten spielten sich die Frankfurter in einen Rausch.

Nur wenige Minuten nach Wiederanpfiff leistete sich Gnabry einen fatalen Ballverlust. Abraham nahm den hergeschenkten Ball dankend an, ließ ihn von Dost weiter auf da Costa verteilen, der eine Flanke hereingab, die nicht nur auf den Millimeter genau passte, sondern sich auch ganz genau so um die Abwehr herumlegte, dass Abraham letztendlich nichts anderes übrig blieb, als das 3:1 einzutüten. Spätestens jetzt waren die Bayern für diesen Spieltag endgültig gebrochen.

Und die Eintracht? Die kannte keine Gnade. Wie sagt man so schön in Frankfurt? Erbarme zu spät, die Hesse komme!

Die Innenverteidiger Abraham und Hinteregger mauserten sich zuletzt im Heimspiel gegen Standard Lüttich, als die Eintracht mit einem sehr schmal besetzten Sturm antreten musste, gewissermaßen zu Teilzeitstürmern. Nachdem der Kapitän gegen die Bayern bereits bewies, dass er vor dem Tor kein One-Hit-Wonder ist, legte nun auch Hinteregger nach. Nach einer Ecke köpfte er den Ball zum 4:1. Da war es wieder: das Frankfurter Innenverteidiger-Sturm-Duo.

Aber auch das sollte noch nicht alles an Freude gewesen sein, was den Eintracht-Fans beschert werden sollte. Nachdem die letzten Wochen die Sorge um André Silva und seine mysteriöse Achillessehnenproblematik immer weiter anwuchs, einige nicht mal mehr mit einem Hinrunden-Einsatz des vom AC Milan geliehenen Portugiesen rechneten, wechselte Adi Hütter, der offenbar noch nicht genug von seiner Offensive hatte, das Sorgenkind beim beachtlichen Stand von 4:1 ein.

Und André Silva? Der konnte zum Erstaunen vieler nicht nur rund laufen, sondern auch Tore vorbereiten. So nämlich geschehen fünf Minuten vor pünktlichem Schluss der Partie, als Silva zunächst Alaba vernaschte und anschließend seinen Landsmann und Kumpel aus Porto-Zeiten Paciência bediente, der nur noch einschieben musste. 5:1. Schlusspfiff. Ungebremste Euphorie.

Wenn die Hessen weder den Reformationstag noch Allerheiligen als offiziellen Feiertag zugesprochen bekommen, dann machen sie sich halt ihren eigenen. Denn an diesem Nachmittag passte auf Seiten der Frankfurter einfach alles: die Chancenverwertung, die Pässe, die ein schönes Kombinationsspiel ermöglichten, die Nähe zum Gegenspieler und die Aggressivität gegen den Ball, die Stabilität der Abwehrreihe, in der Hinteregger den pausierenden Hasebe in der Mitte der Dreierkette ersetzte und in der N’dicka sich endlich wieder zeigen durfte und sogleich ein exzellentes Spiel hinlegte. Auch der zuletzt häufig kritisierte Kapitän Abraham meldete sich mit einer starken Leistung zurück, die Kritiker, die ihn bereits voreilig abgeschrieben hatten, zurückrudern lassen dürfte.

Am Samstagabend waren alle Sorgen, alle negativen Gedanken wie weggeblasen. Apropos weggeblasen: Niko Kovač bot am darauffolgenden Sonntag seinen Rücktritt bei den Bayern an, woraufhin sich die Wege trennten. Fast schon ironisch, dass das Kapitel Bayern München für den Frankfurter Pokalsiegertrainer genau dort endete, wo es vor knapp über einem Jahr begann.

Böses Blut gibt es zwischen den meisten Eintracht-Fans und Niko Kovač dennoch nicht.

Die Adler haben, nicht zuletzt durch die erfolgreiche Entwicklung, die ihr Klub unter Hütter nahm, längst mit ihrem Ex-Trainer und allem Drumherum (inklusive kroatischem Fahrer) abgeschlossen.

Doch nicht alle Kapitel sind beendet. Weder das des DFB-Pokals, in dem der Eintracht für das Achtelfinale ein Heimspiel gegen RB Leipzig zugelost wurde, noch ist der Ausgang der Europa League Gruppenphase für Eintracht Frankfurt entschieden. Durch den Gegentreffer, den die Hessen beim siegreichen Hinspiel im eigenen Stadion gegen Standard Lüttich kassierten, ist das Schiff noch längst nicht im Hafen. Umso wichtiger ist es, dass trotz aller Euphorie, die nach dem vergangenen Bundesligaspieltag zurecht herrscht, die Konzentration weiterhin aufrechterhalten wird.

Um es mit Stammtischparolen zu sagen: Das Spiel in Lüttich wird ein ganz anderes als noch das Heimspiel gegen Bayern, das an einem perfekten Nachmittag eine Eigendynamik entwickelte, die ihresgleichen sucht.

Auch wenn die Belgier im Hinspiel weniger durch feinen Fußball überzeugten, spielen sie am kommenden Donnerstag im heimischen Stadion, das durchaus als gut besucht gilt. Kein einfaches Unterfangen also, besonders mit Blick auf die Auswärtssperre, die gegen die Eintracht-Fans verhängt wurde.

Das Team von Adi Hütter muss diesmal ohne das Publikum bestehen, das oftmals die rettende Pressluftflasche war, wenn die Luft auf dem Platz mal dünn wurde. Und das in einer Partie, die sicherlich hart umkämpft sein wird.

Dennoch muss und wird die Frankfurter Eintracht mit einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen nach Belgien reisen und wenn sie annähernd solch eine Leistung abrufen kann, wie am vergangenen Samstag, wird man auch nach dieser Partie in strahlende Gesichter schauen, die den Adler auf der Brust tragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.