Diese Woche … bei Fortuna Köln, KW 22

Mehr als nur Fußball – das Mittelrheinpokalfinale zwischen Alemannia Aachen und der S.C. Fortuna Köln

von Josina Anraad

Letzten Samstag stand am Finaltag der Amateure das letzte Spiel der Saison für den S.C. Fortuna Köln im Bonner Sportpark an. Im Finale des Mittelrheinpokals ging es nicht nur um den Sieg, sondern gleichzeitig auch um die Qualifikation für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals in der Saison 2019/20.

In Köln erinnert man sich beim Gedanken an den DFB-Pokal immer noch an das Pokalfinale (Vorschlag: Herzschlagfinale) der Saison 1982/83, als die Fortuna gegen den Stadtrivalen des 1. FC Kölns im neugebauten Müngersdorfer Stadion 1:0 unterlag. Einen Erfolg konnte die Fortuna indes im Pokalspiel der Saison 1971/72  im Stadion an der alten Radrennbahn in Müngersdorf feiern. Der damals 19-jährige Uli Hoeneß schoß das 0:1 für den FC Bayern München, doch die Fortuna konnte das Spiel drehen und mit einem 2:1 in die nächste Runde einziehen. Nach dem Spiel hatte Hans „Schäng“ Löring sich in den Kopf gesetzt, den jungen Hoeneß nach Köln zu holen. Wie die Geschichte zeigt, hat der Wurstfabrikant allerdings in München und nicht in Köln sein Fußballimperium aufgebaut.

Das letzte Mal konnte die Fortuna sich 2013 für die Teilnahme zum DFB-Pokal qualifizieren, als sie das Mittelrheinpokalfinale gegen Alemannia Aachen mit 2:1, ebenfalls im Bonner Sportpark ausgetragen, gewann.

Diese Geschichte wollte die Fortuna nun wiederholen. In der dritten Minute konnte der Kölner Club nach einem frühen Tor durch Kyereh Mensah in Führung gehen. Der etatmäßige Verteidiger wurde wegen großer Personalsorgen durch Trainer Oliver Zapel als Mittelstürmer aufgestellt. Der Treffer ließ die Fans der Fortuna nach einer schlechten Saison kurzfristig auf den Sieg hoffen. Doch Aachen erhöhte ab der zehnten Minute den Druck, kam aber bis kurz vor der Halbzeitpause zu keinem erfolgreichen Abschluss. Erst in der Nachspielzeit traf Imbongo Boele zum 1:1 Ausgleich. Kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit erhöhte die Alemannia durch Batarilo-Cerdic zum 2:1. Der Fortuna fehlten in der zweiten Halbzeit die Mittel, um den Sieg der Aachener noch einmal zu gefährden. In der 85. Minute war dann das Finale vorzeitig durch ein Tor des Mittelfeldspielers Glowacz entschieden und die Alemannia das erste Mal seit sieben Jahren für den DFB-Pokal qualifiziert.

http://www.kicker.de/news/video/2039863/video_pokal-sieg-gegen-fortuna_alemannia-aachen-ist-zurueck-im-dfb-pokal.html

Nach dem Schlusspfiff zum 3:1 begannen euphorisierte Alemannia Fans den Platz zu stürmen und liefen auf den Fortuna Block zu, in dem sich auch die Sitzplätze der Aachener Fans befanden und später die Siegerehrung stattfinden sollte. Aus dem Fortuna Block schallten den Aachenern einige „Nazis raus“ Rufe entgegen, denn bei genauerer Betrachtung ließen sich auf der Kleidung einiger Fans auf dem Platz rechte Symboliken erkennen, unter anderem auch ein Hakenkreuz auf dem Rückenteil einer Kutte.

Dies ist nicht ungewöhnlich. Die Aachener-Ultra Gruppierung Karlsbande ist immer wieder wegen rechtsradikaler oder rechtsoffener Verbindungen in den Medien. Der Konflikt zwischen der Karlsbande und der Aachen Ultras (ACU) ist unteranderem ein Beispiel für Diskriminierung in der deutschen Fußball-Fanszene. Anhand dieses Beispiels zeigt sich, das zwar ein Rückgang von sicht- und hörbarem rechtsextremem Verhalten, aber kein Verschwinden zu beobachten ist. Die ACU ist eine seit 1999 aktive Fangruppierung des Fußballclubs Alemannia Aachen. Nachdem Mitte der Nullerjahre einige Mitglieder rechte Positionen vertraten, wurde jahrelang über die politische Ausrichtung innerhalb der Gruppe debattiert. Vor diesem Hintergrund hat sich 2010 die Ultra-Gruppierung Karlsbande von den Aachen-Ultras abgespalten. Seitdem steht die Karlsbande in Verbindung mit der verbotenen Neonazi-Kameradschaft „Aachener Land“ und der rechtsoffenen Hooligan-Gruppierung „Westwall“. Die Karlsbande vertritt unter anderem die Forderung, alte Werte mit dem Leitbild von traditioneller und gewalttätiger Männlichkeit wiederherzustellen. Diese alten Werte hauptsächlich Meinungsfreiheit sowie kein Auftreten antifaschistischer Gruppen im Stadion – da fehlt irgendetwas. Im Gegensatz zur Karlsbande blieben die ACU nach der Spaltung eine Gruppe junger engagierter Menschen, die sich auch im Stadion gegen Rassismus und Diskriminierung positionierte. Die politischen Differenzen beider Gruppen führte zwangsläufig zum Konflikt, welcher 2011 anfing zu eskalieren. David, ein Mitglied der ACU, beschreibt gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung den Beginn der Eskalation. Angefangen hat es mit Ansagen und Pöbeleien. Im Verlauf spitzte sich die Situation in Aachen immer weiter zu und mündete in dem härtesten Eskalationspunkt, dass ein ACU Mitglied zu Hause aufgesucht und während er schlief zusammengeschlagen wurde. Bei der Tat wurde aus der Wohnung des Opfers ein Fanschal entwendet. Dieser Akt lasse darauf schließen, dass die Täter aus der Fanszene stammen. Während der gesamten Zeit in denen die Karlsbande immer wieder gewaltsam gegen die ACU vorgegangen ist, wurde die ACU von der Stadt, dem Verein und auch der Zivilgesellschaft nicht unterstützt. Daraus resultierte in letzter Konsequenz, dass die ACU 2013 ihren Rückzug bekannt gab und nun nicht mehr im Stadion auftritt.

Die ACU stellt kein Einzelbeispiel dar. Bei mehr als 20 Profivereinen in Deutschland ist dieser Konflikt zwischen antidiskriminierenden Fans und einem Zusammenschluss aus Hooligans, Neonazis und rechtsoffenen Ultras zu beobachten. Dies lässt sich vor allem auf ein Gewaltmonopol der Hooligans zurückführen, die in der Hierarchie über den Ultra-Gruppen stehen. So kommen demokratische Prozesse in den Fankurven zum Erliegen und Fangruppen, die eine antidiskriminierende Position im Stadion vertreten, werden durch Einschüchterung und Androhung von Gewalt zum Schweigen gebracht.

Claus, Mitglied der Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport bezogene
 Soziale Arbeit (KoFaS), stellt die Problematik heraus, dass vor allem auf lokaler Ebene die politische Brisanz und die politische Dimension des Konflikts oftmals unterschätzt werde. Sowohl Vereine als auch Politik müssten es ermöglichen, eine sensibilisierte Fußball-Fanszene zu stärken, damit diese aus sich heraus, gegen Diskriminierung in all ihren Facetten arbeiten könne.

Die Karlsbande ist ein Beispiel dafür, dass es bei einem Pokalfinale zwar um Sieg oder Niederlage geht, aber der Fußball nicht die Schattenseiten der deutschen Fußball-Fanszene überdecken kann.

 

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