Diese Woche bei … Hertha BSC, KW 33

Von Chris Butzke

Kein Geld schießt auch keine Tore

Es war ein turbulenter Sommer in Berlin. Der Einstieg von Lars Windhorst und seiner Beteiligungsfirma „Tennor“ sorgte bundesweit für ein Aufhorchen. Für 125 Millionen Euro sicherte man sich 37,5% der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA und hat zusätzlich die Möglichkeit, im nächsten Jahr sogar auf insgesamt 49,9% aufzustocken, was nochmals 125 Millionen Euro auf das chronisch klamme Hertha-Konto spülen könnte. In Berlin wählt man also ein Modell, welches sich schon bei Borussia Dortmund bewährt hat. Die Borussen haben sogar über 94% ihrer KGaA-Anteile veräußert. Wächst in Berlin also ein neues Schwergewicht im deutschen Fußball heran? Dies muss man klar verneinen. Die neuen finanziellen Mittel können die Lücke zur Top 6 verkleinern, doch wird man nicht schlagartig Vereine mit regelmäßigen Einnahmen aus europäischen Wettbewerben oder mit einem erhöhten Sponsoring (Bayer und VW pumpen jährlich deutlich mehr in ihre Vereine, als es marktgerecht wäre) mithalten können, weder sportlich noch finanziell. Somit ist in Berlin nicht plötzlich ein „Big City Club“, auch wenn es der Wunschtraum von Lars Windhorst ist. Doch wie sagte schon Onkel Ben zu Peter Parker, aus großer Macht folgt große Verantwortung. Es liegt nun an Manager Michael Preetz, verantwortungsvoll mit den neuen finanziellen Möglichkeiten umzugehen. Bei dem überhitzen Transfermarkt ist frisches Geld schnell verbrannt, die Transfers müssen sitzen.

Der Bayernschreck holt Bayernschreck

Und somit kommen wir zum nächsten Teil des turbulenten Sommers. Aufgrund der neuen finanziellen Möglichkeiten war es für Hertha-Fans ein neues Gefühl, denn plötzlich gab es viele Gerüchte um junge, talentierte und somit auch teure Spieler. Reiss Nelson, Dodi Lukebakio und Francois Kamano sind eine Kategorie, aus der sich der Hertha Fan in den letzten Jahren maximal bei der eigenen FIFA-Karriere bedienen konnte, nachdem man am Budget-Regler gedreht hat. Letztendlich durfte sich Dodi Lukebakio, der maßgeblich an der Überraschungssaison von Fortuna Düsseldorf beteiligt war, die Krone als Königstransfer aufsetzen. 20 Millionen Euro flossen dafür nach England zum FC Watford. Außerdem schloss sich Eduard Löwen der alten Dame an und sorgt noch mehr Flexibilität in der Mittelfeldzentrale. Dort wird er sich mit Marko Grujic um Einsatzzeit streiten. Der serbische Shootingstar aus der letzten Saison wird auch dieses Jahr das Hertha-Trikot überstreifen und weiter Erfahrungen sammeln, um bald bei seinem Hauptarbeitgeber in Liverpool Spiele bestreiten zu können. Für den erweiterten Kader verstärken Dedryck Boyata (ablösefrei von Celtic Glasgow) und Sturmtalent Daishawn Redan (2,7 Millionen Euro von FC Chelsea). Während Boyata mit seinen 28 Jahren Erfahrung in die sonst junge Innenverteidgung bringt, ist Redan eine Investition in die Zukunft (mit etwas Hoffnung, dass er sich ähnlich schnell integriert wie Dilrosun letztes Jahr). Auf der Abgangsseite werden Lazaro und Lustenberger zu spüren sein. Lazaro fehlt mit seiner sportlichen Klasse, Lusti wird als Mensch eine Lücke hinterlassen, die niemand so schnell schließen kann.

Aua in Aue

Die Vorbereitung lief recht ruhig. Selbst ein grottenschlechter und lustloser Auftritt in Aue sorgte nicht für tiefe Sorgenfalten. Zu groß ist das Vertrauen in Covic und in seine Spielidee. In den anderen Testspielen waren die Auftritte zumindest bemüht, verschiedene Systeme wurden ausprobiert und einige wertvolle Erkenntnisse konnten gewonnen werden, zum Beispiel, dass die Position des Rechtsverteidigers am besten eine Mischung aus Leckie Klünter wäre. Vielleicht sollte man sich mit der Universität Tokio kurzschließen, schließlich sind dort die Experten, wenn es um das Kreuzen von Menschen, Wesen und menschlichen Wesen geht. Außerdem ist Esswein ein wirklich schneller Mann, es muss doch ein Team geben, dass Geschwindigkeit auf den Außen braucht (looking at you, Bayern Munich). Glücklicherweise blieb man auch von schweren Verletzungen verschont. So bleibt unter dem Strich eine recht erfolgreiche Vorbereitung stehen, zumindest soweit man aus Testspielen und Trainingslagerberichten eine aussagekräftige Meinung ableiten kann.

Pflichtsieg im Pflichtspiel

Der erste Härtetest war die Erstrundenpartie gegen den VfB Eichstätt. Gegen den Regionalligisten kam es zu einem letztendlich ungefährdeten 5:1-Sieg. Ein solch souveräner Auftritt in der ersten Runde ist man als Herthaner schon fast gar nicht mehr gewöhnt. Auffällig war die offensive Ausrichtung mit einer Viererkette, wobei Torunarigha und Leckie die Positionen der Außenverteidiger bekleideten. Durch Leckie als RV ging man kalkuliertes Risiko, da man defensiv so anfällig war. Sein Partner in crime auf der linken Seite war hingegen als defensive Absicherung eingeplant, spielte aber etwas forsch und musste zur Halbzeit wegen akuter Gelb-Rot-Gefahr runter. Für ihn kam mit Alex Esswein ein Spieler, der die Bühne nochmal nutzen konnte ( 1 Tor, 1 Vorlage), um sich auf den Zetteln von Robert Kovac und Co auf der Tribüne zu verewigen. Denn sind wir mal ehrlich, auch mit Perisic fehlt es dem Bayern-Kader etwas an Breite und Erfahrung.

 

Zum restlichen Spiel kann man sagen, dass sich Vladimir Darida mit einer starken Leistung als Dreh- und Angelpunkt in der Zentrale Hoffnungen auf mehr machen darf. Er gilt sowieso schon als der Gewinner der Vorbereitung und konnte den guten Eindruck bestätigen. Seinen Konkurrenten Maier, Grujic und Löwen hat er vor allem Erfahrung voraus. Insgesamt ist Hertha in diesem Mannschaftsteil hervorragend aufgestellt und kann somit die Ideen von Ante Cociv besser umsetzen, der einen höheren Fokus auf ein spielstarkes Mittelfeld legt als Vorgänger Pal Dardai.

 

Die Welt sieht die Hertha

Bereits am Freitag geht es nach München zum Bundesligaauftakt und somit bekommt Hertha internationale Aufmerksamkeits. Naturgemäß ist man gegen die Bayern Außenseiter, doch sind die Top-Clubs am Anfang der Saison auch noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Gepaart mit der Unruhe, die man durch die eigenen Aussagen bezüglich eventueller Transfers selbst heraufbeschworen hat, könnte Hertha wieder ein unangenehmer Gegner für den Rekordmeister werden. Außerdem ist der 20-Milliionen-Mann Lukebakio besonders durch seinen Hattrick gegen die Münchner ins weltweite Rampenlicht gerückt. Man hat auf alle Fälle das Potential, um ein Stolperstein zu sein, aber genauso gut können die Bayern abgeklärt 5:1 über defensiv überforderte Berliner hinwegfegen. Ein Coman kann die Schwächen auf der rechten Seite wohl eher ausnutzen als ein Athedon Lushi vom VfB Eichstätt. Denn auch wenn Klünter defensiv deutlich stärker ist als Leckie, würde eine rechte Seite mit Klünter und Lukebakio (falls er schon fit genug für die erste Elf ist) oder Kalou anfällig sein, da sowohl Kalou als auch Lukebakio defensiv in etwa so sorgfältig arbeiten wie die Sportbild bei der Recherche über die Identitäten von Zweitliga-Spielern. Doch auch wenn man ein schweres Auftaktprogramm hat, kann Hertha über 34 Spieltage vielleicht den einstelligen Tabellenplatz erreichen. Wenn es nach Marko Grujic geht, ist sogar eventuell noch etwas mehr drin.

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