Diese Woche… bei Hertha BSC, KW 39

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von Chris Butzke

Drei Punkte sind drei Punkte

Die Fußballwelt besteht aus vielen Phrasen. Zurzeit dürften vor allem „Drei Punkte sind drei Punkte“ und „In vier Wochen fragt keiner mehr danach, wie die Punkte geholt wurden.“ ein größeres Comeback feiern als die Spice Girls im Frühling dieses Jahres.

Hertha siegte zwar mit 2:1 gegen den Aufsteiger aus Paderborn, doch die gezeigte Leistung bot wenig Erbauliches. In der ersten Halbzeit waren herausgespielte Berliner Chancen seltener als ein Shiny Pikachu bei Pokemon Go. Folgerichtig war die Führung durch Shooting Star Javairo Dilrosun eine herausragende Einzelaktion, bei dem er in seiner unwiderstehlichen Art und Weise gleich vier Paderborner Spieler stehen ließ und erfolgreich abschloss. Doch über die gesamte erste Halbzeit war für den neutralen Zuschauer nicht ersichtlich, wer jetzt hier der neue Big City Club ist, der Anteile für eine neunstellige Summe verkauft hat, und wer der Aufsteiger mit einem Transferbudget von knapp 100.000€ ist. Fast schon ängstlich überließ man den Paderbornern das Spiel, denen man die 1:5-Pleite gegen Schalke aus der vergangenen Woche kaum anmerkte. Glücklicherweise ließen die Schwarz-blauen die letzte Konsequenz vermissen und konnten ihre Chancen nicht nutzen.

In der zweiten Halbzeit konnte Hertha durch Marius Wolf schnell das 2:0 erzielen. Auch hier war wieder Dilrosun mit einer mustergültigen Vorlage großer Anteilseigner. Fast im Gegenzug wurde Paderborn für die Bemühungen belohnt und verkürzte auf 2:1. In der Folge spielten die Gäste mit mehr Risiko, was zu einigen Kontern für Berlin führte. Diese wurden aber kläglich vergeben. Es bleibt also festzuhalten, dass Hertha als Heimmannschaft in fast allen Kategorien unterlegen war, aber zum Glück fragt ja in ein paar Wochen niemand mehr danach und die drei Punkte kann einem niemand mehr nehmen.

Lukebankio

Doch schieben wir die Phrasen zurück in die Doppelpass- und Sky-Talk-Schublade und widmen uns mal etwas detaillierter mit der Mannschaft, die den glorreichen ersten Saisonsieg errungen hat. Nachdem man gegen Mainz noch mit einer Dreier/Fünferkette agierte und Skjelbred als zusätzliche Absicherung hatte, vertraute Covic gegen Paderborn auf ein 4-1-4-1 und ließ dabei Lukebakio auf der Bank. Doch ähnlich wie schon in den vergangenen Wochen hatte Hertha überhaupt kein Interesse an Ballbesitz und ließ den Gegner kommen. Während man in Mainz wenigstens vereinzelt erfolgreich durch frühes Anlaufen der Spielaufbau stören könnte, war davon an diesem Spieltag nur wenig zu sehen. Paderborn konnte so recht behutsam das Spiel aufbauen und fand trotz der defensiven Herthaner Grundordnung immer wieder Räume auf den Außenbahnen. Sowohl Plattenhardt als auch Klünter hatten große Probleme auf ihrer Seite. Einzig Dedryck Boyata zeigte in der Viererkette eine überragende Leistung und konnte mehrmals in letzter Sekunde entscheidend die Paderborner beim Abschluss stören.

Wenn man den Gegner schon kommen lässt, dann muss man wenigstens durch schnelles Umschaltspiel für Gefahr sorgen, doch auch hier war es eine Katastrophe. Herthas Zentrale verschleppte fast immer das Tempo, Pässe auf die einzige Spitze Selke kamen mit der Präzision einer Schneekanone, die auf einen Nadelkopf zielt. Grujic und Duda konnten keine Impulse nach vorne setzen, Wolf wirkte wie ein Fremdkörper im Team. Die allgemeine Unsicherheit war mit jedem Pass zu spüren. Alles in allem war die erste Halbzeit eine einzige Enttäuschung. Die zweite Halbzeit begann mit dem ersten Stirnrunzler. Covic brachte mit Darida für Duda eine noch defensivere Aufstellung. Alles schrie nach Angst, Angst vor der nächsten Niederlage. Darida zeigte während der Partie eindrucksvoll, dass er offensiv das Team zurzeit bremst. Einige Male verpasste er den richtigen Abspielzeitpunkt auf Selke, womit dieser werner-est im Abseits stand, statt völlig frei auf das Tor zu stürmen. Auch die weiteren Wechsel werfen viele Fragezeichen auf. Für den rechten Flügelspieler Wolf kam der gelernte Linksverteidiger Mittelstädt, der auch Wolfs Position übernahm war und dort noch mehr lost war als das Staffelfinale von „Lost“. Dabei hatte einige sinnvollere Alternativen, beispielweise hat Lukebakio des Öfteren schon auf der Position gespielt, doch er blieb weiter auf der Bank. Am Ende kam Ibisevic für Selke, der aber für Konterfußball nicht geeignet ist und auch schnell wieder durch negative Emotionen auffiel. Auch hier gab es offensichtliche Alternativen. Mal kurz überlegen… wer könnte mit seiner Schnelligkeit vielleicht eine sinnvolle Einwechslung sein… Ahhhhh Lukebakio. Aber für Dodi war es ein entspannter Nachmittag auf der Bank. Insgesamt war es ein Auftritt, der zwar mit drei Punkten belohnt wurde, aber für viel Kopfzerbrechen sorgt.

https://www.youtube.com/watch?v=oB6IH1lvqug

Hertha wird geabstiegzoned

Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft diese fast schon panische Angst vor dem Gegner und eventueller Fehler ablegen kann. Der Fehlstart scheint die Mannschaft zu hemmen und sorgt für passive Auftritte gegen Gegner, vor denen man sich nicht verstecken muss. Hertha wirkt wie der schüchterne kleine Junge, der sein erstes Date hat, nachdem er mehrere Körbe bekommen hat. Deswegen möchte er das Date auf keinen Fall versauen, weshalb er alles überdenkt und es dadurch versaut, weil das Date keine Spannung hat. So landet der Junge am Ende in der Friendzone und Hertha in der Abstiegszone.

Man besitzt einen der breitesten Kader der letzten Jahre, hat viel Potential in der Offensive und auch das Versprechen von Covic, mit attraktivem Ballbesitzfußball den Gegner vor Probleme stellen zu wollen. Die aktuelle Mannschaft zeigt aber bisher in keiner Weise auch nur Ansätze dieser Idee. Sollte der Sieg für neues Selbstvertrauen und somit neuen Schwung sorgen, können endlich die eigentlichen Stärken genutzt werden. Bisher hat Hertha in den Phasen, wo sie den Ball wollten und spielerisch Chancen kreierten, den Gegner auch dominiert. Jedoch hat man es dort auch verpasst, sich mit Toren und Punkten zu belohnen. Vielleicht war es notwendig, sich einen Sieg mit einer defensiven Taktik und Glück zu erspielen, um den Druck des Gewinnenmüssens endlich ablegen zu können. Alles in allem hat der Sieg zwar punktetechnisch für etwas Beruhigung gesorgt, doch wirft die gezeigte Leistung viele Fragen auf.

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