Diese Woche… bei Hertha BSC, KW 44

Von Chris Butzke

Warum einfach, wenn es auch legendär geht?

Was war das für eine Berliner Pokal-Nacht? Vor 70.000 begeisterten Zuschauern hatte das Duell zwischen Hertha BSC und Dynamo Dresden alles, um es in die Kategorie „Weißt du noch damals…“-Spiele zu schaffen. Die Gäste kamen mit über 30.000 Fans und sorgten für die richtigen Rahmenbedingen eines denkwürdigen Spiels. Die Ostkurve zeigte einen herausragenden Support und so war es ein Zweitrunden-Spiel im DFB-Pokal mit Final-Charakter.

Hertha wurde früh der Favoritenrolle gerecht und erspielte sich zum Teil herausragende Chancen. Doch wie schon im letzten Bundesliga-Spiel gegen die TSG Hoffenheim wollte der Ball einfach nicht ins Netz. Während die Berliner Fans schon leicht verzweifelt alle Fußballgötter verfluchten, merkte man den schwarz-gelben Dresdnern die Erleichterung an, als es nach 15 Minuten immer noch 0:0 stand. Nun kam auch Dynamo besser ins Spiel, was aber auch an haarsträubenden Fehlern in der Hertha-Defensive lag. Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, wobei Berlin weiterhin dominanter auftrat. Doch in der 37. Spielminute kam es zu einem fatalen Standard. Hertha musste einen Eckball ausführen und wurde nur folgerichtig ausgekontert, wobei auch hier das Abwehrverhalten allenfalls mit „Stets bemüht“ bewertet werden konnte. Marius Wolf löste die Zuordnung auf und so tauchte Kone frei vor Thomas Kraft auf, der das Berliner Tor im Pokal hüten darf, und schob den Ball  langsam, sehr langsam, sehr sehr sehr langsam, zur glücklichen Dresdner Führung ein. Für Hertha-Fans war dies aber schon Routine, lief man doch im aktuellen Ligabetrieb in 8 Spielen gleich 6x einem Rückstand hinterher. Nach diesem Schock ging es erstmal in die Pause.

Der Beginn der zweiten Halbzeit war dann eine Blaupause des ersten Spielabschnitts. Hertha war gleich mit dem Kopf auf dem Platz und drückte auf das Dynamo-Tor. Doch während man in der ersten Hälfte die Chancen noch fahrlässig verballerte, saß jetzt gleich der erste Schuss. Wolf, der in dieser Partie eindrucksvoll zeigte, dass seine Stärken eindeutig in der Offensive liegen und man über seine Defensivaktionen lieber den Mantel des Schweigens legen sollte, brachte eine perfekte Vorlage in den Fünfmeter-Raum, wo Dodi Lukebakio nur noch einschieben brauchte. Der Ausgleich war geschafft, die Fanherzen etwas beruhigt, denn sollte der Spielverlauf nicht komplett auf den Kopf gestellt werden, dann würde Hertha jetzt auf die Führung drücken.

Und so kam es auch. Zwei Aluminiumtreffer und einige Paraden des Dynamo-Goalies ließen das Gefühl aufkommen, dass man heute einfach nicht treffen kann. So mussten in der 84. Minute schon die Dresdner Spieler ordentlich Mithilfe leisten, damit Berlin endlich die überfällige Führung erzielen konnte. Völlig ohne Not foulte man Lukebakio an der Strafraumgrenze, die aber noch zum Strafraum gehört, und Duda verwandelte den fälligen Elfmeter sicher. Allen Blau-weißen fiel mindestens ein Stein vom Herzen, egal ob Spieler, Trainer, den Zuschauern im Stadion oder vor dem TV-Gerät. Kurz vor Schluss wurde das Spiel also doch noch gedreht und man zieht halbwegs souverän in die dritte Pokalrunde ein. Was soll noch schiefgehen, Dynamo war recht harmlos in der zweiten Hälfte und hat jetzt den K.O. kassiert. Die paar Minuten bis zum Abpfiff spielt man als gestandene Bundesliga-Mannschaft gekonnt runter… Oder man macht es wie Niklas Stark und foult unnötig Kone und schenkt den Gästen ebenfalls einen Elfmeter. Man will ja schließlich nicht als unhöflicher Gastgeber erscheinen, der zwar Gastgeschenke annimmt, aber selbst keine verteilt.

So trat Patrick Ebert, der 15 Jahre im Dienst der Hertha stand, im direkten Duell gegen seinen ehemaligen Mitspieler Thomas Kraft an… und verwandelte, auch wenn Kraft noch am Ball war. Der Ausgleich fühlte sich an wie ein „Der Hobbit“-Filmmarathon. Es gab eine innere Leere, man hinterfragte die eigene Existenz und womit man das verdient hatte, die Zeit blieb stehen und man wurde zu einer seelenlosen Hülle. Fußball kann so grausam sein.

So musste das Spiel also in die Verlängerung. Dort war dann der Zweitligist plötzlich aktiver, denn auch sie merkten, dass sie heute das Glück auf ihrer Seite hatten. Ein Angriff über die linke Dresdner Seite brachte dann die Führung für Dynamo, bei der sich aber Thomas Kraft den Ball eher selbst ins Tor haute. Halten wir also fest, man vergibt Chance um Chance, kassiert Gegentore nach einem eigenen Eckball, einen unnötigen Elfmeter und einen kapitalen Torwartfehler… wenn es nicht der eigene Herzensverein wäre, könnte man schon darüber lachen. Aber es ist die alte Dame, die sich mal wieder selbst im Weg steht. In der Verlängerung brachte Hertha kaum noch einen gescheiten Ball nach vorne, es waren bereits 120 Minuten gespielt, als plötzlich der Ball den eingewechselten Torunarigha fand und der Innenverteidiger den Ball mit handgestoppten 293 km/h ins Tor schweißte… Stille… emotionale Stille… niemand bekam noch alles mit… Ante Covic konnte nicht mehr jubeln… es war zu viel, mehr als ein Mensch aushalten kann… Freude traf auf Erleichterung… wo man sich gerade mit einer unglücklichen Pokal-Niederlage abgefunden hatte, keimte plötzlich wieder Hoffnung. Man rettete sich ins Elfmeterschießen.

Dort wurde dann Thomas Kraft mit drei (eigentlich vier) gehaltenen Elfmetern zum Helden und man durfte sich nach einem Wechselbad der Gefühle über das Weiterkommen freuen.

Und auch nach der Partie ging es mit emotionalen Höhepunkten weiter. Patrick Ebert, der alte Rowdy, verabschiedete sich unter tosendem Beifall aus der Ostkurve (Hey, Sandro Wagner, so kann es zwischen Spielern und Ex-Vereinen auch laufen).

So ist das Team zwar völlig entkräftet, aber mit dem positiven Gefühl einer legendären Pokal-Nacht geht es bereits am Wochenende zum nächsten Highlight.

Berliner Festtage

Das einzige Stadtderby der Bundesliga (Grüße an die Löwen aus München und nach Hamburg) wird in Berlin ausgetragen. Auch wenn dies für viele Unioner eine neue Information sein wird, aber Köpenick ist ein Stadtteil Berlins. Union Berlin will sich zwar unbedingt von Berlin abgrenzen, aber wie auch schon John F. Kennedy treffend sagte, wir sind alle Berliner. Mit zwei Teams in der höchsten deutschen Spielklasse ist Berlin nun auch die Fußball-Hauptstadt. Vergesst die Allianz-Arena. Dortmund gegen Gelsenkirchen, who cares? Leipzig braucht neue Spieler aus Salzburg, weil sie trotz dem deutschen Super-Trainer Nagelsmann die Schwächephasen der anderen Mannschaften nicht nutzen können? Sollen sie doch. Wer wahren Fußball sehen möchte, der voller echter Leidenschaft strotzt und zugleich für Gegensatz und Gemeinsamkeit steht, der freut sich auf das Spiel Berlin gegen Berlin. Die Hauptstadt lädt ganz Deutschland, nein sogar die ganze Welt ein, um ein Fußballfest zu feiern.

Aus Herthaner Sicht ist das Derby wichtig, um auch über die Stadtgrenze hinaus vielleicht mehr Sympathien zu sammeln.

Union wirkt wie die neue Hipster-Mate, die überall getrunken werden will, weil sie etwas anders schmeckt als die anderen Mates auf dem Markt. Einige werden sie vielleicht mit einer Mate aus Hamburg verwechseln, die aber immer ein Regal weiter unten angeboten wird. Hertha hingegen wird von vielen Menschen als eine alte Biermarke gesehen, die sich nicht von den anderen größeren Marken geschmacklich unterscheidet und deshalb nur wenig gekauft wird. Sie ist leicht angestaubt und einige haben sogar schon vergessen, dass es sie gibt. Doch diese Marke hat jetzt neue Sorten mit belgischen und niederländischen Hopfensorten, die eigentlich ganz gut schmecken und mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Das Derby ist also eine Chance, die neuen Qualitäten einer großen Zuschauerschar zeigen zu können und vielleicht wird man so wieder attraktiv und steht wieder bei mehr Leuten auf dem Zettel.

Nach einer berauschenden, aber auch kräftezehrenden Pokalnacht geht es gegen Union zum nächsten Festspiel. Für die eigene Gesundheit hofft man auf vielleicht etwas weniger Momente, die einem den Atem rauben, aber die offensive Herthaner Spielweise ist fesselnd wie schon lange nicht mehr. Und wenn am Ende wieder ein knapper Sieg mit vielen Toren auf der Anzeigetafel steht, wird sich vermutlich niemand in Berlin beschweren, nur eventuell in Köpenick.

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