Diese Woche… bei Hertha BSC, KW 45

Von Chris Butzke

Nicht wütend, nur enttäuscht…

Schlusspfiff in Köpenick! Die Blicke der Spieler im blau-weißen Dress richten sich nach unten. Die erste Runde im Berliner Stadtderby wurde zu einer einzigen Enttäuschung. Die Leistung hatte am Ende einfach keinen Punkt verdient. Vor der Partie wurde von Spielern und Offiziellen betont, dass man um die Wichtigkeit des Derbys weiß, doch hatte man als Zuschauer zu keiner Zeit das Gefühl, dass Hertha das Spiel gewinnen wollte. Gegen den Aufsteiger vermisste man jegliche Spielkontrolle. Union stellte die Mannschaft von Ante Covic mit simplem Anlaufen bereits in der Herthaner Hälfte vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Lange, planlose Bälle waren die Folge, ein durchdachter Spielaufbau war nicht existent. Es wirkte so, als wollte man um jeden Preis einen Rückstand vermeiden, auch wenn es auf Kosten der eigenen Offensive geht. Man spürte die Angst vor Fehlern, wie man sie diese Saison bereits oft erleben musste. Es fehlte die Bereitschaft, etwas in die Offensive zu investieren. Das Personal ließ mit Dilrosun, Wolf, Lukebakio und Ibisevic eigentlich den Schluss zu, dass es schnelle Umschaltmomente geben wird und man so zu Abschlüssen kommt. Die Realität war eine andere. So bleibt es ein enttäuschender Abend, der Fans durchaus Grund zur Sorge geben sollte. Wie schon unter Ex-Coach Dardai scheint die Mannschaft in Drucksituationen nicht zu funktionieren. Wann immer die Möglichkeit bestand, mit einem Sieg in den Kampf um die internationalen Plätze einzugreifen, verkrampfte die Mannschaft. Dieses Phänomen zeigte sich auch gegen Union und lässt die Frage zu, ob es der Mannschaft an mentaler Qualität fehlt. Spielerisch ist Hertha in der Lage, sich gegen fast jeden Gegner Torchancen zu erarbeiten. Sobald aber auch nur der kleinste mediale Druck auf das Team wirkt, bricht man ein und das sowohl unter Dardai als auch unter Covic.

Für das Fanherz macht es aber einen Unterschied, ob man erneut als Tabellenzehnter den Sprung in das obere Tabellendrittel verpasst oder man in einem Spiel gegen den gerade aufgestiegenen Stadtnachbarn kämpferisch, spielerisch und taktisch unterlegen ist. Die Niederlage schmerzt und hinterlässt eine Leere, die wohl lange nicht gefüllt werden kann. Zu groß ist die Enttäuschung, die man durchleben muss und zu groß sind die Zweifel an eine Verbesserung in den kommenden Spielen. Hertha hat es verpasst, für Optimismus für die Saison 2019/20 zu sorgen. Die allgemeine Erwartungshaltung war nicht utopisch. Eine spielerische Weiterentwicklung bei einem gesicherten Mittelfeldplatz und die Berliner Stadtmeisterschaft sollten es sein. Mit 11 Punkten orientiert man sich zurzeit Richtung unteres Tabellendrittel, jedoch kann das Team durchaus mit offensivem Fußball für spannende Duelle sorgen, die Niederlage gegen Union bringt die Saisonziele in akute Gefahr. Im Rückspiel muss die Mannschaft sich endlich der eigenen Stärke und dem offensiven Potential bewusst werden und darf sich nicht über 90 Minuten verstecken. Denn noch mehr Enttäuschungen haben die Hertha-Fans eigentlich nicht verdient.

Und die Hertha-Fans sind auch ein gutes Stichwort, denn die schwache Leistung der Mannschaft wird von den Geschehnissen auf den Rängen überschattet. Man kann über Pyro-Technik im Fanblock denken, was man möchte, jedoch sind abgefeuerte Raketen, die unkontrolliert durch das Stadion fliegen, ein absolutes No-Go.  Diese Entgleisungen gehen wohl auf das Konto der Ultra-Gruppierung „Kaliber 030“ und werfen ein schlechtes Licht auf die komplette Hertha-Fanszene. Der Verein distanziert sich von den Ausschreitungen und sieht die Übeltäter nicht als Hertha-Fans an, doch ist es mit dieser Einstellung wirklich getan? Sollte man aus Sicht der Verantwortlichen das Problem nicht erkennen und lieber nach einer Lösung suchen? Wie auch schon während der Fußball-Partie hat Union die Nase vorn. Im Interview mit radio1 bezeichnete ein Union-Offizieller auch die Fans, die über die Strengen schlagen, als Fans des Vereins. Diese Menschen schaden zwar dem Ansehen des Vereins, diese aber einfach nicht als Teil der Szene anzuerkennen, hilft niemanden weiter. Denn sie kommen auch weiterhin ins Stadion und fühlen sich dem Verein zugehörig, unabhängig davon, ob der Verein dies möchte oder nicht. Hertha versucht sich, der Verantwortung zu entziehen, statt sich der Sachlage zu stellen. So ist der Umgang mit der schwierigen Situation passend zum Umgang mit schwierigen Situationen auf dem Spielfeld.

Kein Verein ist stolz auf Bilder, wie man sie am Wochenende gesehen hat. Aber wie verhindert man dies, wenn man sich der Verantwortung einfach entzieht? Die Mannschaft, die Offiziellen und vor allem die Fans von Hertha BSC wollen dieses Stadtderby so schnell wie möglich aus den Köpfen streichen.

Eine Chance dafür bietet sich bereits am Wochenende gegen RB Leipzig. Die letzten Duelle waren nie auf Augenhöhe und gingen klar an die Sachsen. Außerdem gewann das Team von Julian Nagelsmann mal eben mit 6-1 im Pokal, 8-0 in der Liga und konnte auch das Champions League-Spiel gegen Zenit St. Petersburg erfolgreich gestalten. Die Vorzeichen sind also eindeutig und bei einer Niederlage wäre wohl niemand in Berlin überrascht. Daher kann die Mannschaft nach der blutleeren Vorstellung gegen Union ohne Druck befreit aufspielen, denn es erwartet niemand irgendwas.

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