Diese Woche … beim VfB Eichstätt, KW 15

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Von Karsten Kunert

Vom Dorfplatz in den DFB Pokal

Ernsthaft? „Ihr habt hier wirklich eine Fußballmannschaft, die dieses Jahr gegen 1860 und Bayern II gespielt hat ?!“. So oder so ähnlich war meine Reaktion, als ich letzten Sommer zum ersten Mal vom VfB Eichstätt gehört habe. Das Team aus der oberbayerischen 14.000 Seelen-Stadt hatte zur Saison 2017/2018 gerade den Aufstieg in die Regionalliga Bayern geschafft und die Spielzeit mit einem respektablen siebten Platz abgeschlossen. Ich, der Champions League gewohnte Münchener, hielt mich zu dieser Zeit immer wieder in der kleinen Domstadt auf und betrachtete das ganze Vorkommen mit der den Großstädtern eigenen weltmännischen Überheblichkeit. „4te Liga – freut mich wirklich für Euch!

Aber ich schaue Fußball in der Allianz Arena, wenn ich ein Spiel live sehen will.“  Gewonnen haben diese Spielzeit übrigens die Münchener Löwen vom TSV 1860, die mittlerweile in der dritten Liga eine mehr oder weniger gute Saison spielen. In der Liga geblieben ist – vorerst – die zweite Mannschaft des FC Bayern München, die #dieJungs, wie sie in Eichstätt genannt werden, im ersten Spiel der aktuellen Saison gleich mal mit 5:1 aus dem heimischen Liqui Moli-Stadion gefegt hat.

Es folgten zwei Unentschieden auswärts und ein respektabler 4:0 Heimsieg. So lagen die Grünhosen vom VfB auf einem langweiligen 11. Tabellenplatz, als mir Freikarten für das kommende Heimspiel angeboten wurden. „Mei … 4tliga-Fußball. 11. Platz. Wie heißt der Gegner? Schalding-Heining?! Echt jetzt? Ach – weißt Du was? Schauen wir uns das halt mal an.“ Reaktionen eines liberal-mondänen Großstädters.

Auftritt des Erfolgsfans

Über das Spiel selber muss nicht viel erzählt werden. Die Partie endete 0:0 trotz gelb-roter Karte für den Gegner und knapp 15 Minuten numerischer Überlegenheit für das Heimteam. Eichstätt rutschte auf Platz 12 in der Liga ab und ich kehrte in mein Leben zurück. Aber irgendetwas war jetzt schon anders. Für die 4te Liga spielten die Typen hier einen echt guten Ball! Und direkt am Spielfeld zu stehen und nicht hunderte von Metern entfernt auf einem Oberrang zu sitzen war eigentlich richtig gut. Zu sehen und zu hören, wie die Spieler untereinander reden, wie Schiri und Trainer mit den Beteiligten kommunizieren, war eine richtig spannende Erfahrung gewesen. Und erst dieses Geräusch, wenn im Tackling an der Seitenlinie Schienbeinschoner auf Schienbeinschoner knallen. Echt besser als im Fernsehen! Und eigentlich hat das viel mehr Spaß gemacht, als ein Spiel in der Allianz Arena anzusehen.

Willkommen im Amateurfußball!!

Ihr ahnt es bereits. Ich schreibe diesen Text nach dem 28. Spieltag und ich habe seit der Partie gegen Schalding-Heining nur noch ein einziges Heimspiel des VfB verpasst. Krankheitsbedingt. „Ready for Takeoff“ Ich bin nicht so vermessen, anzunehmen, dass es irgendetwas mit mir zu tun hat. Aber das Spiel gegen Schalding-Heining war nicht nur für mich eine Art Initialzündung. Von den 23 folgenden Partien gewann das Team von Trainer Markus Mattes eindrucksvolle 17 Begegnungen, verlor dreimal und trennte sich ebenso oft unentschieden. Vor dem 29. Spieltag liegen #dieJungs jetzt gerade einmal zwei Punkte hinter der zweiten Garnitur des FC Bayern München auf Platz zwei der Liga. Höhepunkt dieser Serie war sicherlich der Sieg gegen eben jenen Tabellenführer. Mit 3:0 haben die Domstädter Anfang November eine FC Bayern U21-Mannschaft in Bestbesetzung aus dem eigenen Stadion geschossen und eindrucksvoll Revanche für den bitteren Saisonauftakt genommen.

Bei sechs noch ausstehenden Spielen hat der VfB Eichstätt jetzt 15 Punkte Vorsprung auf den Viertplatzierten aus Schweinfurt. Warum ist das wichtig? Weil der beste Amateurverein der jeweiligen Regionalliga sich automatisch direkt für den DFB Pokal qualifiziert. Auf Platz eins und drei stehen mit den Nachwuchsteams aus München und Nürnberg Mannschaften, für die eine derartige Direktqualifikation nicht vorgesehen ist. Neben den beträchtlichen finanziellen Einnahmen aus der DFB Hauptrunde steht dem selbsternannten ‚Dorfverein‘ also auch noch mindestens ein richtig großes Event ins Haus. Und wenn nicht extrem viel schiefgeht, ist ein Pokalspiel gegen den ‚richtigen‘ FC Bayern, gegen Dortmund oder ein anderes Schwergewicht in der ersten Runde des DFB Pokals also durchaus vorstellbar. Eichstätt in der Sportschau und auf Sky? Verrückter Gedanke.

VfB Eichstätt – wer sind die eigentlich?

Dabei ist der VfB-Eichstätt ein bekennender Amateurverein, der selbst für die Verhältnisse in der Regionalliga Bayern über ein eher geringes Budget verfügt. Umso beachtlicher ist der aktuelle Trend und die Konstanz, mit der die Grünhosen bereits die gesamte Saison über auftreten. Gespielt wird im Liqui Moli-Stadion. Naja – Stadion. Einem Fußballplatz mit Tribüne auf der Gegengerade und Stehplätzen in drei Meter Entfernung von der Seitenlinie. Zur Verköstigung steht ein Grill- und ein Getränkestand bereit. Kaffee und Kuchen gibt es in der angrenzenden Vereinsgaststätte. Trotz des finanziellen Tiefstapelns besteht der Kader der ersten Mannschaft überwiegend aus verpflichteten Spielern.

Kapitän und Urgestein Benjamin Schmidramsl ist derzeit der einzige ‚eingeborene‘ Eichstätter im Kader. Der Rest der Truppe kommt überwiegend aus der nahen und mittelnahen Umgebung aus Oberbayern und Franken. Fußballkennern bekannt sein dürfte der mittlerweile 33-jährige Markus Steinhöfer, der seine Profikarriere bei Bayern, 1860, Kaiserslautern, Basel und Sevilla und weiteren Vereinen nun noch ein Jahr lang in der vierten Liga ausklingen lässt. Ihm zur Seite steht im Mittelfeld der 21 Jahre alte Marcel Schelle, der eine sehr auffällige Saison spielt und mit einer Karriere im Profibereich liebäugelt. Im Sturm ist immer wieder auf Fabian Eberle zu achten, der derzeit mit 14 Treffern auf dem zweiten Platz der Torjägertabelle rangiert.

Funfact: „Der Faber“ macht seinen Job dermaßen gut, dass eine Meldung, der zufolge der Stürmer für die Nationalmannschaft Liechtensteins als Verteidiger eingeladen worden sei, nur die wenigsten Leute wunderte. Leider stellte sich die Nachricht als Verwechslung einer Fußballplattform heraus.  Apropos Stürmer – in der Winterpause wechselte mit Yomi Skintu erstmals ein Spieler aus der Regionalliga Bayern in die Major League Soccer zu Philadelphia. Diese Schwächung kompensierte der Verein unter anderem durch die Verpflichtung von Klinsman. Allerdings schloss sich nicht der ehemalige deutsche Nationalspieler den Domstättern an, sondern der kolumbianische (zukünftige Nationalspieler ??) Klinsman Alejandro Calderon Buitrago. Ja -der heißt wirklich so!

Wie geht’s weiter?

Trotz der Topplatzierung und dem in greifbare Nähe gerücktem sportlichem Aufstieg in die dritte Liga hat der Vereinsvorstand allen Träumern bereits deutlich einen Riegel vorgeschoben. „Die Lizenz wurde nicht beantragt. Die Anforderungen für die 3. Liga können wir als reiner Amateurverein leider nicht erfüllen.“ Klarer kann ein Statement und Selbsteinschätzung kaum sein. Eichstätt wird also sicher im kommenden Jahr wieder in der Regionalliga Bayern den Grill anwerfen. Ob die Folgesaison dann ähnlich erfolgreich gestaltet werden kann, steht noch in den Sternen. Es wird stark davon abhängen, welchen Kader Trainer Mattes ins Rennen schicken kann. Ob Steinhöfer noch ein Jahr die Fußballschuhe schnüren wird, ist noch nicht entschieden. Gleiches gilt für Kapitän Schmidramsl. Mit Marcel Schelle und Michael Zant schielen zwei junge Spieler auf höhere Weihen im Profifußball. Umso wichtiger in diesem Zusammenhang ist die Zusage von Erfolgstrainer Markus Mattes für die kommende Spielzeit. Auch ihm ist bewusst, dass der aktuelle Höhenflug schwer zu wiederholen sein wird. “Die Leistungen unserer Mannschaft haben natürlich anderorts Begehrlichkeiten geweckt. Das Gesicht der Mannschaft wird sich verändern. Das wird nächstes Jahr eine ganz schwierige Saison für uns. … Aber darin sehe ich auch eine Herausforderung.”

Aber egal wie – der Ex-Großstädter Erfolgsfan wird auch in der kommenden Spielzeit wieder altmühltaler Steaksemmeln vom Metzger Schneider an der Seitenlinie futtern.

2 thoughts on “Diese Woche … beim VfB Eichstätt, KW 15

  1. Starker Artikel, ich habe mich als Bayernfan beim Anschauen der Tabelle immer gefragt wer die eigentlich sind und woher die kommen. Klar, geografische Lage und Stadion findet man schnell heraus, aber mehr Infos habe ich dann auch nicht gesucht.
    Also danke für diesen Überblick, ich finde genauso für so etwas ist 12producer super.

    Grüße
    Markus

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