Diese Woche bei … Hertha BSC, KW 34

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Von Chris Butzke

Berliner Schreckgespenst

Endlich war es soweit. Das Flutlicht strahlte über das weite Rund der Allianz-Arena hinaus, Menschenmassen strömten in den roten Fußballtempel, Menschen auf der ganzen Welt ließen sich im heimischen Wohnzimmer nieder und sehnten sich nach dem Bundesliga-Auftakt.

Für die meisten Zuschauer ist es mittlerweile Gewohnheit, den bayrischen Rekordmeister im ersten Spiel der neuen Saison zu sehen. Von den bisher 18 offiziellen Eröffnungsspielen wurden 11 Spiele mit Beteiligung des FC Bayern München ausgetragen. Von diesen Spielen wurde kein einziges verloren, sondern ganz im Gegenteil, man gewann sogar 10 Mal. Somit waren die Vorzeichen für einen erfolgreichen Auftakt für die Berliner Hertha fast aussichtslos, doch hatte man als selbsternannter künftiger„Big City Club“ (danke für diese unrealistische Einschätzung, Herr Windhorst) auch ein paar Aktien auf seiner Seite. Zum einen hat man sich in der jüngsten Vergangenheit sehr gut gegen die Bayern geschlagen. In den letzten fünf Bundesliga-Duellen ging man nur bei einer Partie als Verlierer vom Platz, das letzte Spiel in Berlin wurde sogar 2:0 gewonnen. Außerdem hat man mit Dodi Lukebakio das wohl größte Schreckgespenst geholt. Gerüchteweise werden Lukebakio-Masken als Halloweenkostüm hoch gehandelt bei den TSV 1860 München Anhängern. Zum anderen herrscht bei den roten Münchenern große Unruhe. Zwar wurde zum Zeitpunkt des Spiels Ivan Perisic verpflichtet (war jedoch noch gelb gesperrt), doch war das Hauptthema die eventuell bevorstehende Verpflichtung von Coutinho.

Klünter stellt die Bayern kalt

In der Vorberichterstattung spielte Hertha also eine kleinere Rolle als Rickon Stark in Game of Thrones. Ich bin mir fast sicher, dass der chinesische Fußballfan bis kurz vor dem Anpfiff maximal die Aufstellung von Hertha kannte. Ob er hingegen den Namen von Trainer Ante Covic kannte, der sein Bundesliga-Debüt als Trainer feierte, darf durchaus bezweifelt werden. Dafür dürften nach der Partie einige Namen etwas bekannter auf der internationalen Bühne sein.

Allen voran Lukas Klünter zeigte eine bemerkenswerte Leistung. Er nahm Kingsley Coman aus der Partie, bestach durch seine Geschwindigkeit und Entschlossenheit im Zweikampf. Klünter dürfte diese Partie ziemlich viel Selbstvertrauen geben. Nachdem die letzte Saison durch Verletzungen besonders in der Hinrunde eine persönliche Enttäuschung war, konnte er sich in der Rückrunde etwas zurückkämpfen. Die Leistung könnte ihn zum unumstrittenen Stammspieler als RV werden lassen. Wer die individuelle Klasse eines Comans stoppen kann, hat sich für künftige Aufgaben mehr als nur angeboten. Auf der anderen Seite erlebte Mittelstädt einen rabenschwarzen Tag. Hierbei muss man aber auch bedenken, dass das Berliner Eigengewächs erst kurzfristig fit wurde und in der Vorbereitung eine offensivere Rolle besetzte. Durch den Ausfall von Plattenhardt und der nicht so souveränen Leistung von Torunarigha im Pokal musste auch ein nicht ganz fitter Mittelstädt spielen. Gegen einen Gnabry reichte es so aber nicht. Die rechte Bayern-Seite bereitete der Hertha-Verteidigung große Probleme. Folgerichtig erspielte sich der FCB auch über diese Seite das 1:0 in der 24. Minute durch Lewandowski. Bis dahin wurde Hertha von Bayern regelrecht eingeschnürt, die taktische Ausrichtung mit einer Fünferkette erwies sich nicht als Erfolg. Aber Covic erkannte die Probleme besonders auf der rechten Seite und versuchte mit einer Umstellung auf ein 4-4-2 die Defensive zu stärken und gleichzeitig weniger leichte Ballverluste durch das Bayern-Pressing im eigenen Spielaufbau zu kassieren. Der Plan ging auf und man stand plötzlich deutlich sicherer.

Lukebakio trifft

In der Folge kam man besser in die Partie. Natürlich kam es dann in der 36. Minute, wie es kommen musste. Thiago und Thomas Müller schlotterten die Knie, als Lukebakio auf Höhe der Mittellinie zum Dribbling ansetzte. Sowohl Müller als auch Thiago erstarrten vor Angst, ließen den Berliner Neuzugang gewähren und so durfte er durch einen gezielten Schuss gegen Ibisevic’s Rücken mit einer Leichtigkeit Manuel Neuer überwinden. Der Ausgleich war gleichzeitig auch der erste wirkliche Abschluss auf das Bayern-Tor. Da war sie also wieder, die dardaische Effizienz, die die Mannschaft schon in den letzten Jahren auszeichnete. Kurz danach knockte Marko Grujic seinen Gegenspieler, immerhin 35-Mio-Neuzugang Pavard, im Kopfballduell aus, bekam einen mustergültigen Pass von Vedad Ibisevic (oder @DonnieOsullivan) und ließ Manuel genau eine Chance, nämlich keine Chance. Bumm, 2:1 für den Außenseiter. Ich kann die Reaktionen der chinesischen und amerikanischen Zuschauer vor den mobilen Endgeräten nur erahnen, aber zumindest die Menschen in Minnesota werden vor Freude auf der Straße getanzt haben. Immerhin hatte Hertha dort einen Teil des Sommers verbracht und einige Fans sammeln können. Mit diesem Ergebnis ging es dann in die Halbzeit.

Mit einem blauen Auge davongekommen

In der zweiten Halbzeit rissen die Münchener das Spiel wieder an sich und so kassierte man in der 60. Minute den überfälligen Ausgleich per Elfmeter. Jedoch war die Entstehung des Elfmeters schon sehr grotesk. Stahlschädel Grujic hatte anscheinend mit den Spätfolgen des Pavard-Zusammenstoßes zu kämpfen, anders kann man sich die Aktion nicht erklären. Völlig abseits des Geschehens, der Ball war weiter weg als Andre Schürrle von der Bundesliga, riss Marko Grujic den späteren Strafstoßschützen einfach um. Logischerweise kam der VAR zum Ergebnis, dass der Amateur-Wrestlingmove einen Elfer zur Folge hat. Somit haben wir schon am ersten Spieltag einen ganz heißen Kandidaten für die Kategorie „Unnötigste Aktion der Saison“. Eventuell wollte Grujic auch nur seine Bewunderung für Zinedine Zidane ausdrücken. Sein Torjubel ist an Cristiano Ronaldo angelegt, sein Verhalten abseits des Balles erinnert an Zidane vs Materazzi. Somit vereint Grujic schon einige Merkmale der ganz großen Spieler. Nach dem Ausgleich lieferte Hertha noch eine Abwehrschlacht und konnte am Ende einen Punkt aus München entführen.

Hertha also auf Augenhöhe mit Bayern?

Wie soll man nun diese Partie bewerten? Der Punkt war auf der einen Seite sehr glücklich, da Bayern zweifelsohne die überlegene Mannschaft war. Auf der anderen Seite war die Entstehung des Ausgleichs mehr als ärgerlich. Am Ende bleibt eine leidenschaftliche Leistung, jedoch kann man aus taktischer Sicht nur wenig für kommende Spiele ableiten. Man ist in der Lage, innerhalb eines Spiels verschiedene Systeme zu spielen. Covic erkennt Probleme und korrigiert von der Seitenlinie aus. Dieses Ingame-Coaching wird ein immer größerer Faktor, der Grad zwischen einem sinnvollen Switchen von Systemen und einer Überforderung der eigenen Mannschaft (Grüße an den FC Augsburg aus der letzten Saison) ist oft schmal. Covic möchte eigentlich einen offensiven Fußball spielen und selbst Druck ausüben. Gegen eine individuell aber so überlegene Mannschaft wie dem FC Bayern München wäre das aber der Weg ins eigene Verderben. Hertha hat das Ziel, die Lücke zur Top 7 zu verkleinern. Das Spiel gegen München hat gezeigt, dass man auf einem guten Weg ist, Covic auch keine Angst vor großen Namen hat und taktisch variabel ist. Nun muss man am kommenden Spieltag gegen Wolfsburg aber ganz neue Facetten zeigen. Im ersten Heimspiel der Saison wird man sich nicht hauptsächlich auf die Defensivarbeit beschränken können. Wolfsburg ist die Kategorie Mannschaft, zu der man aufschließen möchte. Deshalb wird diese Partie aussagekräftiger und richtungsweisender werden, als ein Ausnahmespiel gegen die stärkste deutsche Mannschaft.

Ein Wiedersehen mit alten Freunden

Neben dem Bundesliga-Auftakt gab es auch die Auslosung für die zweite Runde des DFB-Pokals. Die Losfee meinte es gut und so bekam man nicht nur einen Zweitligisten als Gegner (auf ein Erstliga-Duell kann man ruhig noch ein paar Runden verzichten), sondern auch ein Heimspiel sorgte für Begeisterung. Dynamo Dresden ist für seine reisfreudigen Fans bekannt (die sich hoffentlich auch als friedliche Gäste erweisen), wodurch das Stadion wohl ausverkauft sein wird. Mit Patrick Ebert kommt auch eine Berliner Legende zurück in die Heimat. Ihm wird man einen besonders warmen Empfang bereiten. Mit der SGD hat man also einen Gegner bekommen, den man sportlich eigentlich schlagen sollte und der viele Fans mitbringt. Es hätte durchaus schlimmer kommen können.

Diese Woche bei … Hertha BSC, KW 33

Von Chris Butzke

Kein Geld schießt auch keine Tore

Es war ein turbulenter Sommer in Berlin. Der Einstieg von Lars Windhorst und seiner Beteiligungsfirma „Tennor“ sorgte bundesweit für ein Aufhorchen. Für 125 Millionen Euro sicherte man sich 37,5% der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA und hat zusätzlich die Möglichkeit, im nächsten Jahr sogar auf insgesamt 49,9% aufzustocken, was nochmals 125 Millionen Euro auf das chronisch klamme Hertha-Konto spülen könnte. In Berlin wählt man also ein Modell, welches sich schon bei Borussia Dortmund bewährt hat. Die Borussen haben sogar über 94% ihrer KGaA-Anteile veräußert. Wächst in Berlin also ein neues Schwergewicht im deutschen Fußball heran? Dies muss man klar verneinen. Die neuen finanziellen Mittel können die Lücke zur Top 6 verkleinern, doch wird man nicht schlagartig Vereine mit regelmäßigen Einnahmen aus europäischen Wettbewerben oder mit einem erhöhten Sponsoring (Bayer und VW pumpen jährlich deutlich mehr in ihre Vereine, als es marktgerecht wäre) mithalten können, weder sportlich noch finanziell. Somit ist in Berlin nicht plötzlich ein „Big City Club“, auch wenn es der Wunschtraum von Lars Windhorst ist. Doch wie sagte schon Onkel Ben zu Peter Parker, aus großer Macht folgt große Verantwortung. Es liegt nun an Manager Michael Preetz, verantwortungsvoll mit den neuen finanziellen Möglichkeiten umzugehen. Bei dem überhitzen Transfermarkt ist frisches Geld schnell verbrannt, die Transfers müssen sitzen.

Der Bayernschreck holt Bayernschreck

Und somit kommen wir zum nächsten Teil des turbulenten Sommers. Aufgrund der neuen finanziellen Möglichkeiten war es für Hertha-Fans ein neues Gefühl, denn plötzlich gab es viele Gerüchte um junge, talentierte und somit auch teure Spieler. Reiss Nelson, Dodi Lukebakio und Francois Kamano sind eine Kategorie, aus der sich der Hertha Fan in den letzten Jahren maximal bei der eigenen FIFA-Karriere bedienen konnte, nachdem man am Budget-Regler gedreht hat. Letztendlich durfte sich Dodi Lukebakio, der maßgeblich an der Überraschungssaison von Fortuna Düsseldorf beteiligt war, die Krone als Königstransfer aufsetzen. 20 Millionen Euro flossen dafür nach England zum FC Watford. Außerdem schloss sich Eduard Löwen der alten Dame an und sorgt noch mehr Flexibilität in der Mittelfeldzentrale. Dort wird er sich mit Marko Grujic um Einsatzzeit streiten. Der serbische Shootingstar aus der letzten Saison wird auch dieses Jahr das Hertha-Trikot überstreifen und weiter Erfahrungen sammeln, um bald bei seinem Hauptarbeitgeber in Liverpool Spiele bestreiten zu können. Für den erweiterten Kader verstärken Dedryck Boyata (ablösefrei von Celtic Glasgow) und Sturmtalent Daishawn Redan (2,7 Millionen Euro von FC Chelsea). Während Boyata mit seinen 28 Jahren Erfahrung in die sonst junge Innenverteidgung bringt, ist Redan eine Investition in die Zukunft (mit etwas Hoffnung, dass er sich ähnlich schnell integriert wie Dilrosun letztes Jahr). Auf der Abgangsseite werden Lazaro und Lustenberger zu spüren sein. Lazaro fehlt mit seiner sportlichen Klasse, Lusti wird als Mensch eine Lücke hinterlassen, die niemand so schnell schließen kann.

Aua in Aue

Die Vorbereitung lief recht ruhig. Selbst ein grottenschlechter und lustloser Auftritt in Aue sorgte nicht für tiefe Sorgenfalten. Zu groß ist das Vertrauen in Covic und in seine Spielidee. In den anderen Testspielen waren die Auftritte zumindest bemüht, verschiedene Systeme wurden ausprobiert und einige wertvolle Erkenntnisse konnten gewonnen werden, zum Beispiel, dass die Position des Rechtsverteidigers am besten eine Mischung aus Leckie Klünter wäre. Vielleicht sollte man sich mit der Universität Tokio kurzschließen, schließlich sind dort die Experten, wenn es um das Kreuzen von Menschen, Wesen und menschlichen Wesen geht. Außerdem ist Esswein ein wirklich schneller Mann, es muss doch ein Team geben, dass Geschwindigkeit auf den Außen braucht (looking at you, Bayern Munich). Glücklicherweise blieb man auch von schweren Verletzungen verschont. So bleibt unter dem Strich eine recht erfolgreiche Vorbereitung stehen, zumindest soweit man aus Testspielen und Trainingslagerberichten eine aussagekräftige Meinung ableiten kann.

Pflichtsieg im Pflichtspiel

Der erste Härtetest war die Erstrundenpartie gegen den VfB Eichstätt. Gegen den Regionalligisten kam es zu einem letztendlich ungefährdeten 5:1-Sieg. Ein solch souveräner Auftritt in der ersten Runde ist man als Herthaner schon fast gar nicht mehr gewöhnt. Auffällig war die offensive Ausrichtung mit einer Viererkette, wobei Torunarigha und Leckie die Positionen der Außenverteidiger bekleideten. Durch Leckie als RV ging man kalkuliertes Risiko, da man defensiv so anfällig war. Sein Partner in crime auf der linken Seite war hingegen als defensive Absicherung eingeplant, spielte aber etwas forsch und musste zur Halbzeit wegen akuter Gelb-Rot-Gefahr runter. Für ihn kam mit Alex Esswein ein Spieler, der die Bühne nochmal nutzen konnte ( 1 Tor, 1 Vorlage), um sich auf den Zetteln von Robert Kovac und Co auf der Tribüne zu verewigen. Denn sind wir mal ehrlich, auch mit Perisic fehlt es dem Bayern-Kader etwas an Breite und Erfahrung.

 

Zum restlichen Spiel kann man sagen, dass sich Vladimir Darida mit einer starken Leistung als Dreh- und Angelpunkt in der Zentrale Hoffnungen auf mehr machen darf. Er gilt sowieso schon als der Gewinner der Vorbereitung und konnte den guten Eindruck bestätigen. Seinen Konkurrenten Maier, Grujic und Löwen hat er vor allem Erfahrung voraus. Insgesamt ist Hertha in diesem Mannschaftsteil hervorragend aufgestellt und kann somit die Ideen von Ante Cociv besser umsetzen, der einen höheren Fokus auf ein spielstarkes Mittelfeld legt als Vorgänger Pal Dardai.

 

Die Welt sieht die Hertha

Bereits am Freitag geht es nach München zum Bundesligaauftakt und somit bekommt Hertha internationale Aufmerksamkeits. Naturgemäß ist man gegen die Bayern Außenseiter, doch sind die Top-Clubs am Anfang der Saison auch noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Gepaart mit der Unruhe, die man durch die eigenen Aussagen bezüglich eventueller Transfers selbst heraufbeschworen hat, könnte Hertha wieder ein unangenehmer Gegner für den Rekordmeister werden. Außerdem ist der 20-Milliionen-Mann Lukebakio besonders durch seinen Hattrick gegen die Münchner ins weltweite Rampenlicht gerückt. Man hat auf alle Fälle das Potential, um ein Stolperstein zu sein, aber genauso gut können die Bayern abgeklärt 5:1 über defensiv überforderte Berliner hinwegfegen. Ein Coman kann die Schwächen auf der rechten Seite wohl eher ausnutzen als ein Athedon Lushi vom VfB Eichstätt. Denn auch wenn Klünter defensiv deutlich stärker ist als Leckie, würde eine rechte Seite mit Klünter und Lukebakio (falls er schon fit genug für die erste Elf ist) oder Kalou anfällig sein, da sowohl Kalou als auch Lukebakio defensiv in etwa so sorgfältig arbeiten wie die Sportbild bei der Recherche über die Identitäten von Zweitliga-Spielern. Doch auch wenn man ein schweres Auftaktprogramm hat, kann Hertha über 34 Spieltage vielleicht den einstelligen Tabellenplatz erreichen. Wenn es nach Marko Grujic geht, ist sogar eventuell noch etwas mehr drin.

Arne Friedrich – Nicht immer eine Liebesgeschichte

Von Chris Butzke

Happy Birthday, Arne! Ich wünsche dir im Namen aller Hertha-Fans eine wunderbare Feier mit vielen Freunden, die deine Profi-Karriere bewundern, deine Persönlichkeit schätzen und dir dein Engagement auch außerhalb der Fußballblase hoch anrechnen.

Im Sommer 2002 hast du Ostwestfalen hinter dir gelassen, der Wechsel von Bielefeld nach Berlin war für beide Seiten ein Glücksfall. Auch wenn du dich in Berlin an die ganzen Kreisverkehre und mehrspurigen Straßen gewöhnen musstest, warst du schnell ein Teil der Stadt. Bei der Hertha konntest du zum Nationalspieler reifen, während der Verein sich im oberen Tabellendrittel etablierte. In 231 Spielen gelangen dir 14 Tore für die alte Dame, 2009 schrammte man knapp an der deutschen Meisterschaft vorbei (das Folgejahr streichen wir mal lieber, auch wenn der sportliche Misserfolg zu einer Trennung geführt hat). 

Auch bei der Nationalmannschaft hast du einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Unvergessen ist dein erstes Tor für die Nationalmannschaft bei der WM 2010 gegen Argentinien. Du hast nicht nur einen der besten Fußballer aller Zeiten im Griff gehabt, sondern auch endlich die Anerkennung bekommen, die du verdienst! 

 


Denn die Karriere beim DFB war nicht immer eine Liebesgeschichte. Bei der WM 2006 im eigenen Land wurdest du als Notnagel für die Position des Rechtsverteidigers dargestellt. Doch du hast die Medien und die Fans mit Leistung überzeugt. Während andere Spieler mit Vorschusslorbeeren überhäuft wurden und ihr Standing schon vor dem ersten Spiel äußerst positiv war, musstest du dir alles erkämpfen. Meinen tiefsten Respekt davor. Gerade als Fan von Hertha BSC ist es schwierig, Spieler auch in der Nationalmannschaft anfeuern zu dürfen, aber du hast es allen gezeigt und warst auf Jahre eine Größe (82 Länderspiele), zu der man nicht nur in Berlin aufgeschaut hat.

Leider musstest du deine Karriere aufgrund anhaltender Rückenprobleme beenden und konntest das Abenteuer in Chicago nicht so genießen, wie du es dir gewünscht hattest. Aber wie überall hast du auch in den USA deine Fußspuren hinterlassen. Nicht umsonst hast du für FOX Soccer schon einige Turniere als Experte begleitet. Deine sympathische authentische Art und die sportliche Kompetenz ist ein fast so sicheres Zusammenspiel wie das von dir und Steve von Bergen im blau-weißen Dress. Und wie deine Leistungen am Ball waren auch die Leistungen am Mikro auf allerhöchstem Niveau. Nicht umsonst hast du sogar in China die WM 2014 begleitet, bist ein gern gesehener Sportschau-Gast beim DFB Pokalfinale und hast eine große Followerzahl in den sozialen Medien (wobei man hier fairerweise sagen muss, dass du die Hälfte deiner Insta Abos deinem überragenden Bart zu verdanken hast).

 

 

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🇩🇪 Ich hoffe ihr hattet einen guten Start in die Woche! 🇺🇸 Hope you had a great start into the week! #focussignificance #monday #mondaymotivation

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Und ich bin mir sicher, dass nicht nur die Menschen in Ostwestfalen, Berlin, Chicago und China heute an dich denken, sondern dir überall auf der Welt Menschen gratulieren möchten.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 20

Von Chris Butzke

Der neue alte Weg

Nun ist es also offiziell. Ante Čović wird zur neuen Saison das Erbe von Pál Dárdai antreten. Mit dieser Entscheidung geht Manager Michael Preetz den wohl einfachsten Weg. Mit Čović, dem aktuellen U23 Trainer, wählt man eine interne Lösung, bei der die Verantwortlichen genau wissen, was sie bekommen und welche Vision der Trainer auf den Platz bringen will. 

 

Wie schon damals bei Dárdai, den man aus der U15 hochgezogen hatte, nimmt man ein Herthaner Urgestein, der die Vereinsphilosophie verinnerlicht hat und auch in Zukunft ein Hauptaugenmerk auf die Talentförderung der eigenen Jugendspieler setzen wird. Ante Čović steht für einen offensiv ausgerichteten Fußball. Rückpässe sind nicht gern gesehen, der erste Ballkontakt sollte stets nach vorne ausgerichtet sein. Diese Denkweise war auch schon diese Saison unter Dárdai zu erkennen. Gerade am Anfang der Spielzeit überraschte Hertha mit erfrischendem Offensivfußball. Wenn Čović seine Spielweise aus der Regionalliga übertragen möchte, scheint sein Vorgänger die richtige Grundlage bereitgestellt zu haben. Besonders Spieler wie Arne Maier und Ondrej Duda könnten in der Zentrale davon profitieren und ihre Stärken noch besser ausspielen. 

Ein Trainer mit Hertha-DNS

Man hat sich also einen Trainer geholt, der die Hertha DNS verkörpert, Dárdais Grundlage weiter nutzen kann und weiterhin die Integration eigener Talente fördert. Mit diesen Eigenschaften sollte doch das blau-weiße Fanherz höherschlagen. Mitnichten! Auf allen Social Media Plattformen schießen Fans gegen diese Entscheidung und setzen mit ihr den Abstieg in der nächsten Saison gleich. Hertha spart sich tot, riskiert nichts und wird so nie etwas erreichen. Nach Bekanntgabe der Trainerentscheidung haben sich einige Fans sogar schon komplett vom Verein abgewendet.

Viele fordern einen frischen Wind, werfen Preetz Vetternwirtschaft vor und Angst vor neuen Reizen. Doch frage ich mich, wen man realistisch erwartet hat. Wer wäre denn für die ganzen Čović-Kritiker ein besserer Name gewesen, der nach Berlin gepasst hätte? Dieter Hecking und Bruno Labbadia sind zurzeit noch mit ihren aktuellen Teams im Kampf um Europa, für eine Ausarbeitung eines Konzepts und etwaige Vertragsverhandlungen haben beide wohl eher wenig Zeit. Domenico Tedesco hat sich auf Schalke das Image eines ausschließlich defensiv geprägten Taktikers „erarbeitet“. Mit Schalke und Wolfsburg haben zwei finanzstarke Vereine die potentiellen Kandidaten David Wagner und Oliver Glasner bereits unter Vertrag genommen. Ten Hag und Seoane haben Hertha einen Korb gegeben. Wer bleibt dann noch für Hertha übrig? Wer hätte bei den Fans Jubelstürme ausgelöst? Mir fällt schlichtweg niemand ein, der unbedingt zu einem durchschnittlichen Bundesliga-Verein möchte, gleichzeitig ein offensichtliches Upgrade zu Čović wäre und Hertha BSC finanziell nicht zu sehr belastet.

Natürlich ist aber auch Skepsis erlaubt und man sollte die Entscheidungen der Hertha Verantwortlichen kritisch hinterfragen. Denn wie schon bei der Stadion-Thematik gibt es auch bei der Trennung von Dárdai einige Anhaltspunkte, die für Unruhe sorgen. War der Rücktritt wirklich einvernehmlich, obwohl erst kurz vorher der Vertrag verlängert wurde? Gab es Risse im Verhältnis zwischen Preetz und Dárdai? Fühlte sich der Vorstand von Dárdais bescheidenen und sehr unbekümmerten Art nicht ausreichend repräsentiert? Es bleibt zumindest das Gefühl, dass neben der sportlichen Talfahrt auch zwischenmenschliche Probleme auschlaggebend für das Ende waren.

Das zweite Jahr wurde Luhukay zum Verhängnis

Doch kommen wir zurück zu Čović. Ein Grund für eine interne Lösung könnte auch die bisherige Trainerwahl von Preetz sein. Nach der Entlassung von Lucien Favre kam mit Friedhelm Funkel ein Fehlgriff. Dem folgte mit Markus Babbel ein Trainer, der sportlich gute Ergebnisse lieferte, es aber zu zwischenmenschlichen Problemen mit Preetz kam. Mit Skibbe und Rehhagel entwickelte man sich zum Gespött der deutschen Fußballlandschaft. Anschließend konnte man mit Luhukay die zweite Liga dominieren und schaffte auch das Übersatteln in Liga 1, nur wurde das verflixte zweite Bundesliga-Jahr Luhukay zum Verhängnis. Im Abstiegskampf übernahm U15-Trainer Dárdai und sorgte endlich für langfristige Ruhe auf der Trainerposition. So scheint es auf den ersten Blick nur logisch, dass sich Preetz wieder für einen Coach aus den eigenen Reihen entscheidet. Andererseits plädierte Preetz noch während der Dárdai-Amtszeit für einen externen Co-Trainer als Nachfolger für Rainer Widmayer. Man hat also erkannt, dass es frische Impulse braucht, um die Mannschaft aus der eigenen Zufriedenheit und Lethargie zu locken und neue Gier zu wecken. Čović gilt auch als Persönlichkeit, die bei ihren Spielern den Willen nach mehr auslösen kann. Taktisch ist er wie bereits erwähnt offensiver eingestellt als Dárdai. Nur bleibt die Frage, ob ein Trainer ohne Profi-Erfahrung bei gestandenen Bundesliga-Profis ähnliche Reizpunkte setzen kann. 

Ich persönlich kann mit Čović als neuem Trainer sehr gut leben. Wenn man die angesprochenen Punkte berücksichtigt, ist er vielleicht nicht die spektakulärste Lösung, aber er kann dennoch das Werk von Dárdai fortführen. Ich habe mir eigentlich einen externen Impuls gewünscht, doch bleibt die Frage, wer genau dieser Impuls sein soll. Ich bin froh, dass kein Stöger, Gisdol oder Klinsmann auf der Trainerbank sitzen wird. Mit Čović hat man einen jungen, modernen Trainer, der Charakter hat und der hoffentlich seinen Stil auf die Mannschaft übertragen kann. Ich bin gespannt auf die neue Saison und hoffe, dass die Berliner Fans sich schnell geschlossen hinter Čović stellen, um ihm so die Arbeit so einfach wie möglich zu gestalten.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 19

Von Chris Butzke

Ein ungewohntes Gefühl

Die alte Dame ist nun endgültig aus dem Winterschlaf erwacht. Reichlich spät, aber eine echte Diva kommt immer etwas später, um dann einen großen Auftritt zu haben. Nur kommt die Renaissance viel zu spät. Nach sieben Pflichtspielen ohne Sieg konnte die Hertha endlich wieder drei Punkte einfahren. Der letzte Sieg datiert vom 02.03.2019, zwei Monate mussten die Fans also auf dieses warme Gefühl des Erfolgs warten. 

Dementsprechend erleichtert war ganz Berlin. Ganz Berlin? Nein, ein von unbeugsamen Schwaben besetzter Stadtteil hörte nach der Partie nicht auf, Widerstand gegen die blau-weiße Freude zu leisten.

Der Prenzlauer Berg weint

Das Cannstatter Exil im Prenzlauer Berg konnte sich vermutlich nicht wirklich über den Sieg freuen. Denn die damit gleichbedeutende Stuttgarter Niederlage war wohl die Vorentscheidung im Abstiegskampf. Der VfB wird wohl in die Relegation müssen. Auf wen sie dort treffen, ist nicht abzusehen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Reise wieder nach Berlin geht. 

Dabei waren die Vorzeichen für Hertha recht ungünstig. Zum einen ist da die bereits erwähnte eigene Erfolgslosigkeit in den letzten Monaten, zum anderen ist Stuttgart durch den zwölften Trainerwechsel in den letzten fünf Jahren mit einem Sieg gegen Gladbach in die Willig-Ära gestartet. Immerhin konnte Hertha BSC in den letzten beiden Spielen wieder punkten, jedoch wäre das Highlight-Video sogar noch kürzer als die Amtszeit des nächsten VfB-Trainers. Gegen Hannover und Frankfurt gab es kein einziges Tor für eine der Mannschaften zu bestaunen, die Erwartungshaltung war dementsprechend gering. So war auch das erste richtige Highlight im Spiel keine Torchance, sondern Karim Rekiks Beweis, dass Hertha auf der Position der Torhüter wirklich tief besetzt ist. Nach einer Ecke faustete er souverän den Ball aus dem Sechzehner. Zur Überraschung aller hielt sich der VAR bei der Bewertung dieses eindeutigen Handspiels zurück und so gab es zum Ärgernis vieler Stuttgarter Fans keinen Elfmeter, obwohl es hierbei keine zwei Meinungen geben kann. Glück gehabt. Und da Rune Jarstein sich diese Woche einer Knie-OP unterziehen wird, entfacht ein Dreikampf um die Position des Torhüters für die Partie gegen Augsburg. Dardai hat die Wahl zwischen Kraft, Smarsch und Rekik, wird sich aber wohl für Thomas Kraft entscheiden. Der nichtgegebene Elfmeter war aber die einzige aufregende Szene im Berliner Strafraum. 

Die älteste Startelf der Saison (29 Jahre im Schnitt) spielte mit all ihrer Erfahrung unaufgeregt das Spiel herunter. Das 1:0 war nur folgerichtig. Nach einer mustergültigen Flanke von Plattenhardt konnte Zieler den Kopfball von Leckie noch parieren, beim Nachschuss vom Vedator war er jedoch machtlos. Eben dieser Vedator war auch beim 2:0 der entscheidende Spieler. Einen schönen Steckpass von Duda konnte Ibisevic mit der Fußspitze noch gegen den armen Zieler spitzeln, doch der Ball prallte zurück zu Duda, der dann leichtes Spiel hatte. Bei beiden Toren hatte die gesamte Stuttgarter Hintermannschaft eine Handlungsschnelligkeit, bei der man sich fragte, welche Mannschaft hier gegen den Abstieg spielte und dringend punkten musste. 


In der zweiten Halbzeit kamen dann mit Grujic, Selke und Dilrosun die jungen Wilden. Hertha war weiter spielbestimmend, ohne aber wirkliche Gefahr auszustrahlen. Doch dann nahm sich Dilrosun ein Herz, halbierte mit einem Sprint den Marktwert von Stuttgarts Top-Wintertransfer Kabak, der wahrscheinlich jetzt mit einer Angina im Bett liegt, weil er zu lange im Zugwind von Dilrosun stand. Dieses Dribbling entschädigt für so viel Leerlauf in den letzten Wochen. Dilrosun zeigt bei jeder seiner Einwechslungen sein Talent und versprüht Spielfreude, man möchte Dardai schon fast anflehen, den Jungen von Anfang an zu bringen. Die Kirsche auf der Dribblingtorte war dann die Hereingabe, die Kalou zum vorentscheidenen 3:0 verwertete. 

Stuttgart kam durch Mario Gomez nochmal auf 3:1 heran, aber man hatte eigentlich keine Angst, dass man das Spiel noch aus der Hand gibt. So stand am Ende ein überraschend ungefährdeter Sieg. Anhand des Stuttgarter Auftritts könnte man zu dem Entschluss kommen, dass Stuttgart selbst mit einem Handelfmetertor nicht als Sieger vom Platz gegangen wäre.

So ist man seit drei Spielen ungeschlagen und schafft vielleicht noch ein würdiges Ende Dardais als Chefcoach.

Alter vor Schönheit?

Nachdem man gegen den VfB Stuttgart die älteste Elf auflaufen ließ, bleibt die Frage, ob man in den kommenden Spielen nicht den Spielern mit Entwicklungspotential mehr Einsatzzeit geben sollte. Obwohl sowohl Ibisevic (dessen Vertrag eventuell um ein Jahr mit Option verlängert wird) und Kalou ihre Tore gegen Stuttgart machten, bleibt die Frage, ob nicht lieber ein Selke einen Platz in der Startelf haben sollte. Da sich Leckie verletzt hat (bei einem Torschuss #justLeckieThings), könnte auf dem Flügel der Platz für Dilrosun frei werden. Vielleicht rutscht auch Lazaro auf den offensiven Flügel und Klünter kommt nach seiner Sperre wieder zurück. Ebenfalls fit genug für die Startelf könnten Grujic und Torunarigha sein. Dardai kann also wieder flexibler planen. Seinen Platz in der Zentrale könnte Maxi Mittelstädt sicher haben, der auf seiner neuen Position besonders im Zusammenspiel mit Skjelbred starke Leistungen zeigt (sehr zur Freude von Plattenhardt, der so wieder eine Rolle als LV spielt).

Ich bau dir ein Schloss, das in den Wolken liegt

Während es sportlich also wieder bergauf geht, gibt es einige Unruheherde neben dem Sportplatz. Wobei wenn man es genau nimmt, ist der Sportplatz sogar ein Grund für die Unruhe. Es geht mal wieder um das Thema des Stadionbaus. Nachdem man es verpasst hatte, sich mit den Bewohnern auf dem Gelände des Olympiaparks zu einigen (besser gesagt hat man sich nie mit ihnen in Kontakt gesetzt und war dann überrascht, dass sie nicht freiwillig das Feld für die tolle Hertha räumen) und auch noch anderes Bauland innerhalb Berlins gefunden hat, sorgte Sportgeschäftsführer Michael Preetz mit einigen Aussagen erneut für Aufsehen.

Demnach zieht man 2025 definitiv aus dem Olympiastadion aus. Man hat zwar weder ein Gelände, auf dem man bauen könnte, noch scheint es in naher Zukunft eine Einigung mit den Bewohnern im Olympiapark zu geben, weshalb nicht damit zu rechnen ist, dass es bald den ersten Spatenstich für den Stadionbau gibt. Doch laut Preetz ist das kein Problem, schließlich kann man ganz schnell ein temporäres Stadion bauen. Doch auch hier stellt sich eine elementare Frage. Wo baut man das Stadion? Denn egal ob temporär oder nicht, es bedarf an Platz und genau das ist das Problem. Aber man hat sich ja bisher auch sehr kompetent in der Stadionthematik gezeigt, deshalb wird auch der mögliche Bau eines temporären Stadions kein Problem darstellen.

Während also beim Stadionbau viele Fragezeichen stehen, gibt es bei Herthas Social Media Kanälen jetzt nicht nur „?“, sondern auch „¿“. Es gibt jetzt endlich einen spanischsprachigen Twitter Account. Damit dürfte der nächste Neuzugang wohl aus Lateinamerika kommen und man bekommt endlich die Millionen neuen Follower, nach denen man sich schon so lange sehnt.

Bei der Trainerfrage gibt es fast schon täglich neue fixe Verträge. Allein diese Woche haben sowohl Bern Storck als auch Ante Covic bereits unterschrieben. Es bleibt also spannend, wenn die Medienberichte so weitergehen, stehen nächste Saison dreizehn Trainer am Spielfeldrand. Der VfB Stuttgart wäre neidisch.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 18

Von Chris Butzke

Die Null steht überall!

Nachdem man schon letzte Wochen sensationell gegen den Tabellenletzten aus Hannover eine Negativserie von 5 Niederlagen stoppte, legte man gegen die Frankfurter Eintracht nach. Die Ausbeute aus 180 Minnuten Bundesliga-Fußball: 0 Tore geschossen, 0 Tore kassiert. Dabei hatten beide Spiele bis auf das Fehlen von Toren nicht viel gemein. Hannover war das erste Heimspiel nach Bekanntgabe der Trennung von Pal Dardai zum Saisonende. Zudem erwartete man nach den Ergebnissen und vor allem den Auftritten der letzten Wochen eine Reaktion der Mannschaft. Bisher konnte man sich sicher sein, dass Spiele, an die man eine Erwartung hatte, in schöner Regelmäßigkeit in den Sand gesetzt wurden. Und mit „Erwartung“ ist keinesfalls gemeint, dass Hertha den Gegner herspielen soll. Mittlerweile fällt unter den Begriff „Erwartung“ schon, dass man den 11 Herthanern auf dem Platz anmerkt, dass sie überhaupt Lust haben. Dieses Gefühl ließ man in der Rückrunde nur allzu oft vermissen. Und so hatte man auch gegen Hannover wieder diese „Erwartung“, dass das Team bei Dardai’s Abschiedstour alles gibt. Und doch wurde man wieder enttäuscht. Es schien nicht so, als wäre der Wille vorhanden, den Trainer mit einem Geschenk zu verabschieden. Nach dieser Leistung hatte niemand mehr eine „Erwartung“ für die restlichen Spiele, das Fanherz hat eine Enttäuschung zu viel erlebt. 

Kein Torreigen dank Norwegen

Und natürlich kam gegen die Frankfurter Eintracht wieder eine Leistung, die man sich in all den Spielen zuvor gewünscht hatte. Es war kein fußballerischer Leckerbissen, aber man hielt gegen einen physischen Gegner mit, nahm die Zweikämpfe an und zeigte, dass man heute nicht verlieren wird. Per Skjelbred ist hierbei besonders hervorzuheben. Der Norweger, der wahrlich keine einfache Saison hatte, war überall auf dem Spielfeld. Er gab keinen Ball verloren, stemmte sich gegen jede Widrigkeit und schaffte sogar fast ein Wunder, als er kurz vor Ende der Partie offensiv Impulse setzte und plötzlich frei vor Trapp auftauchte. 

Unser Per, als Zerstörer verschrien, hatte den Sieg auf dem Fuß. Auch wenn er die Chance liegen ließ, ist es genau das, was die Hertha Fans sehen wollen. Spieler, die sich ein Herz nehmen. Spieler, die dem Gegner mit jeder Faser ihres Körpers signalisieren, dass man heute nicht verliert. So ist es auch einem Skjelbred zu verdanken, dass junge Spieler auf ungewohnten Positionen eine gute Leistung zeigen. Maxi Mittelstädt weiß, dass er auch mal einen Fehler machen kann als Notlösung in der Mittelfeldzentrale, weil Skjelbred ihm den Rücken stärkt (ganz nebenbei ist die Kicker Note 5.0 für Mittelstädt und 3.5 für Skjelbred eine absolute Frechheit, aber vielleicht geht man beim Kicker mit einer anderen „Erwartung“ an Hertha Spiele, die gerade auf der letzten Rille dem Saisonende entgegenfahren). Aber auch sein norwegischer Landsmann ist schon seit Wochen ein unsung Hero. Rune Jarstein ließ die Frankfurter bei ihren wenigen Schüssen auf das Gehäuse verzweifeln. Besonders sein unmenschlicher Reflex gegen Rebic würde vielen im Gedächtnis bleiben, hätte das Spiel etwas Bedeutung. Unser Torhüter ist seit Wochen in glänzender Form und bewahrte Hertha ein ums andere Mal vor noch höheren Niederlagen.

Ausblick

Man verlangte Frankfurt einiges ab und konnte das Spiel auf Augenhöhe bestreiten. Nur welche Schlüsse soll man daraus ziehen? Warum hat man gerade in der Rückrunde das Gefühl, Hertha könnte viel mehr, wenn sie nur wollen würden? Auffällig ist, dass die Spiele dann zumindest von der kämpferischen Einstellung stimmen, wenn die Aufstellung eher einer Notlösung gleicht. Schon gegen Hoffenheim, wo man notgedrungen mit einer Elf spielte, die nie wieder so auf dem Platz stehen wird, wurde man zwar vorgeführt, aber das Team zeigte Moral. Auch gegen Frankfurt spielte man mit einer Viererkette, die so zum ersten Mal agierte. Dazu war mit Skjelbred und Mittelstädt ein Duo vor der Abwehr, welches immer mit viel Herzblut agiert. Es zeigt auch, dass es dem jungen Team an Leadern fehlte. Wenn Dardai aus den Vollen schöpfen kann, spielt Hertha in der Zentrale mit Duda, Maier und Grujic. Alle drei sind für sich hervorragende Kicker und haben zu Beginn der Hinrunde, als Hertha im Flow war, viel Freude bereitet. Jedoch kann man in Zeiten, in denen es nicht so läuft, von den jungen Talenten nicht erwarten, dass sie das Team anführen. Die Hereinnahme von Mentalitätsspielern wie Skjelbred, die nicht so talentiert sind wie der Nachwuchs, aber mit Disziplin und Willen vorangehen, ist für die jetzige Phase wichtig. Die letzten Spiele haben keine Bedeutung in sportlicher Hinsicht, doch können Leader-Qualitäten von der neuen Hertha Generation geformt werden. Neben Mittelstädt wächst Rekik von Spiel zu Spiel an der wachsenden Verantwortung (durch den erneuten Stark-Ausfall ist er wieder der Abwehrchef). Vielleicht sollte Dardai auch wieder mehr auf Selke als Stürmer setzen, um ihn in seiner Entwicklung zu fördern. Denn es geht nur noch um die Weiterentwicklung der Spieler für die kommende Saison und dafür bedarf es ein junges Team, dass angeführt von abgezockten Routiniers aufspielen kann und dabei auch Fehler machen darf und soll. Man soll mutig spielen, lernen und das Gelernte verinnerlichen. Aber das ist schon wieder zu viel „Erwartung“, vielleicht wird man gegen Stuttgart nicht enttäuscht.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 17

Von Chris Butzke

Der Dardaismus ist vorbei

Nun ist es also Gewissheit. Nach 4,5 Jahren wird Pal Dardai seinen Platz als Cheftrainer von Hertha BSC räumen. Den Medienberichten nach geschah dies einvernehmlich. Nach der fünften Niederlage gab es für die sportliche Führung kaum noch Argumente, die Hertha Legende über den Sommer hinaus zu halten. Auch Dardai wirkte in den letzten Wochen angeschlagen, leicht reizbar und durch die sportliche Krise auch ratlos. Mit der Trennung fällt auch eine große Last von Dardais Schultern.

Schon die letzte Vertragsverlängerung ließ bei Dardai etwas zweifeln, ob er noch der Richtige ist. Die lockeren Verhandlungen mit Michael Preetz, die normalerweise per Handschlag besiegelt wurden, hatten nicht mehr die Leichtigkeit der letzten Jahre. Die Mannschaft entwickelte sich nicht mehr so, wie es sich der Ungar vorstellte. Lag es an ihm? Blockierte er die Mannschaft? Es machten sich Selbstzweifel breit. Es ist auch auffällig, dass er die Schuld nie bei „seinen Jungs“ suchte. Er machte der Mannschaft nie einen Vorwurf (was auch seine Lieblingsphrase nach schlechten Spielen war). Er suchte die Schuld bei sich. Ein schlechtes Spiel war das Resultat schlechter Vorbereitung. Mit dieser sehr selbstkritischen Einstellung ist es wenig verwunderlich, dass nach 4,5 Jahren auch der eigene Antrieb darunter leidet. Die Pause wird Pal sicher guttun und er wird 2020 wieder eine Aufgabe in der Berliner Jugendakademie übernehmen. 

Danke!

Für die Hertha Fans bleibt nach dieser Trainer Epoche nur eins zu sagen: DANKE PAL! Danke, dass du den Verein wieder auf Vordermann gebracht hast. Wir hatten nie Angst, wieder absteigen zu müssen. Danke, dass du die Mannschaft mit so viel Talent ausgestattet hast und sie sich Woche für Woche auf Bundesliganiveau beweisen konnte. Danke, dass du immer den Schulterschluss mit den Fans gesucht hast (was dir beim Vorstand wohl nicht nur Freunde gebracht hat). Danke, für dieses Märchen. Unser Pal kommt aus der U15 und führt die erste Mannschaft nach Europa. Du bist Hertha, du bist Berlin. Du hast als Dardai Lama der Hertha eine Philosophie eingepflanzt und dein Nachfolger findet ein Fundament für die Zukunft vor. Dein Dardaismus hat dem Team Sicherheit gegeben und auch wenn Kritiker dir immer wieder nur destruktiven Fußball vorwerfen, bleiben für uns die Festspiele gegen die Bayern (für die wir dank dir sowas wie der Angstgegner wurden) in Erinnerung, genauso wie die offensiven Feuerwerke am Anfang dieser Saison. Und wir Hertha Fans sind uns sicher, es wird nicht das letzte Mal sein, dass du auch die erste Mannschaft trainierst.

In Berlin kannst du alles sein, auch Hertha Trainer.

Nun heißt es aber auch, schnell einen Nachfolger zu finden. Man will einen offensiven Spielstil etablieren und mit attraktivem Fußball wieder für mehr Zuschauer im Olympiastadion sorgen. Doch wer kommt dafür in Frage? Gerardo Seoane, Coach der Young Boys Bern, hat der Hertha bereits abgesagt. Seoane ist in Bern der Erbe von Adi Hütter und führt den offensiven Spielstil mit viel Gegenpressing fort. Wer bleibt noch übrig? Denn so sehr die Stadt Berlin vielleicht auch reizen mag, muss man realistisch sein. Hertha haut keinen etablierten Trainer vom Hocker. Gefragte Trainer werden nicht nur ein blau-weißes Angebot erhalten. Schalke ist auf der Suche, Stuttgart ebenfalls. Hertha kann aber mit einer jungen Mannschaft und einer humanen Medienlandschaft punkten. 

Ein junger Trainer würde der Mannschaft gut zu Gesicht stehen. Vielleicht auch ein Trainer, der schon in einer großen Liga Erfahrungen gesammelt hat, dem das Bundesligaumfeld aber nicht völlig fremd ist. Wie sieht es aus, haben Sie nächstes Jahr schon etwas vor, Herr David Wagner? Wagner hatte sich diese Saison von Huddersfield Town einvernehmlich getrennt, nachdem man mit einem unterlegenden Kader den letzten Platz der Premier League innehatte. Er trainierte zuvor die U19 und U17 der TSG Hoffenheim und die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund. Meiner Meinung nach wäre er ein Nachfolger Dardais, der viele Anforderungspunkte erfüllt. 

Niemand hat hier etwas gesehen oder gehört!

Über das Spiel gegen Hannover hüllt man lieber den Mantel des Schweigens. Glücklicherweise ist in dem Spiel auch nichts vorgefallen, was es in die Geschichtsbücher schafft und wird somit schnell aus den Gedächtnissen aller Zuschauer und Spieler verschwinden. Nur Niklas Stark wird sich leider noch lange an die Partie erinnern.

Die erneute Verletzung Starks und das Spiel spiegeln die bisherige Saison gut wieder. Man will einfach nur noch vergessen und schnell zur neuen Saison übergehen.

Diese Woche bei … Hertha BSC, KW 15

Von Chris Butzke

Erwartungsmanagement

Die Erwartungen an das Spiel gegen die formstarke TSG aus Hoffenheim war aus Berliner Sicht schon nach dem Abpfiff gegen Düsseldorf nicht all zu groß. Mit dem 1:2 verbuchte man die vierte Niederlage in Folge und die allgemeine Stimmung ging stark Richtung Gefrierpunkt. Die Auftritte gegen die Fortuna und Leipzig hinterließen tiefe Risse im blau-weißen Herz, die Lethargie auf dem Platz griff auf die Fans über. Und nun kam ausgerechnet Hoffenheim, das Team, das in den letzten beiden Spielen Leverkusen (4:1) und Augsburg (4:0) förmlich schwindlig spielte. Die Vorzeichen konnten gegensätzlicher nicht sein. Doch dann erlosch auch noch der letzte Funken Hoffnung bereits vor dem Spiel. Herthas Liste an Ausfällen war länger als Davie Selkes Trefferkonto.

Hertha musste die Reise also ohne Zentrale antreten. Somit war schon einmal klar, dass es große Probleme im Spielaufbau geben wird. Mit Per Skjelbred hatte man nur einen angestammten ZM, der dazu bisher eher durch seine defensive Robustheit als durch kluge Seitenverlagerungen auffällt. Kurz vor dem Spiel fiel dann auch noch Abwehrchef Niklas Stark aus, so hatte man nicht nur ein improvisiertes Mittelfeld, sondern durfte auch in der Abwehr kreativ werden. Einem abenteuerlichen Fußballsonntag stand also nichts mehr im Wege.

Learning by doing

So stellte Dardai seinen linken Verteidiger Maxi Mittelstädt in die Zentrale, Rechtsverteidiger Klünter wurde schnell zum Innenverteidiger umgeschult, Routinier Pekarik durfte nach gefühlt jahrzehntelanger Verletzung die Position des Rechtsverteidigers annehmen und Marvin Plattenhardt tauschte die Bank gegen die linke Position in Herthas Not-Viererkette. Demensprechend verliefen auch die ersten Minuten im Spiel. Starke Hoffenheimer spielten sich munter durch die Berliner Hintermannschaft und scheiteren am eigenen Unvermögen sowie an Goalie Jarstein. Als dann der überfällige Führungstreffer durch Amiri fiel, befürchtete man schon wieder das nächste Debakel. Nach 30 Minuten gab es 15:0 Torschüsse, die TSG hatte 74% Ballbesitz. Wie sollte so eine zusammengewürfelte Mannschaft gegen einen so überlegenen Gegner bestehen? Jedoch kam mit der Führung Hoffenheims auch eine gewisse Passivität in ihr Spiel und Hertha konnte sich endlich Luft verschaffen. Auch in der zweiten Hälfte fand die Mannschaft sich immer besser zurecht und hielt bis zum 2:0 ordentlich mit. Die Niederlage am Ende war abzusehen und auch in der Höhe verdient. Über einzelne Szenen oder taktische Kniffe zu diskutieren macht bei der Personalsituation keinen Sinn.

Jedoch lässt sich festhalten, dass die beiden Quereinsteiger Klünter und Mittelstädt mit zunehmender Spielzeit auch Sicherheit auf ihrer neuen Position fanden. Ein Faktor, der in Zukunft sicher eine Rolle spielen wird. Auch Dilrosun konnte wie schon gegen Düsseldorf nach seiner Einwechslung für Belebung im Offensivspiel sorgen. Das ganze Team zeigte insgesamt nicht die beste Leistung, aber man gab sich nicht auf. In den unruhigen Tagen reicht schon dieses Gefühl, dass die Mannschaft wirklich wollte, um auf eine seltsame Art und Weise zufrieden zu sein. Weder fühlt sich die Niederlage so schmerzhaft an wie das Auftreten gegen Düsseldorf, noch verspürt man eine innerliche Leere und Wut auf die Mannschaft wie bei der Klatsche in Leipzig.

Platzt die Blase?

Doch was heißt das Ergebnis nun für die Verantwortlichen? Ich persönlich bin ein großer Dardai-Fan. In meiner Twitterblase wird Dardai sehr geschätzt und man weiß, was man ihm zu verdanken hat. Dardai selbst betont immer wieder, dass er der Hertha keine Last sein will.

Nach der fünften Niederlage in Folge wird jedoch der Gegenwind für den Ungar immer stärker. Wir alle kennen die Mechanismen im Fußballgeschäft. Es zählen am Ende die Punkte und man gehört zum wiederholten Male zu den Rückrunden-Absteigern. Dardai selbst spricht immer wieder davon, dass ein Trainer keine sechs Spiele am Stück verlieren darf. Somit wäre Hannover mit seinem persönlichen Anspruch ein Endspiel um seinen Job. Doch ein Trainerwechsel fünf oder vier Spieltage vor dem Saisonende bei einer Mannschaft, die sowieso im Tabellenniemandsland steckt, bringt niemandem was. Vielmehr heißt es in den Berliner Medien, man wolle im Mai schonungslos die Lage diskutieren und dann entscheiden, wie es für alle weitergeht. Dies scheint auch die vernünftigste Lösung zu sein. Angeblich ist man in Berlin schon auf der Suche nach einem Nachfolger, da die aktuelle Talfahrt den Glauben an den nächsten sportlichen Schritt komplett erschüttert haben soll. Was an den Meldungen jedoch dran ist, muss man abwarten.

Das Ende naht

Generell sollte das Spiel gegen Hoffenheim für die Arbeit Dardais kein Gradmesser sein. Was hätte man realistisch erreichen können? Man hat das gesehen, was man sich schon gegen Leipzig gewünscht hätte. Endlich ein Aufbäumen und man hat sich nicht ergeben, obwohl man fast immer hinterherlief und selbst wenig Gefahr ausstrahlte, aber es war endlich wieder Leben zu erkennen. Gegen Hannover kommen auch einige der verletzten und gesperrten Spieler zurück. Auch das Restprogramm hält mit Stuttgart und Augsburg Gegner parat, die zumindest schlagbar sein sollten. So kann die Mannschaft die Position des eigenen Trainers stärken. Sollte man gegen diese Teams gewinnen, ist auch eine Kehrtwende in der Causa Dardai möglich. Zurzeit ist Dardai der Hertha Trainer mit den drittmeisten Spielen (147) und wenn es nach vielen Fans geht, schnappt er sich nächste Saison seinen eigenen Förderer Jürgen Röber (157 Spiele). Dafür muss es aber wohl eine sofortige Siegesserie geben. In Hannover kann dafür der Grundstein gelegt werden.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 14

Von Chris Butzke

Die Suche nach dem Strohhalm

Es war eine schwierige Woche für Hertha Fans. Auf und neben dem Platz zeigte die alte Dame aus Berlin ein trauriges Bild. Ein müdes 1:2 gegen den Aufsteiger aus Düsseldorf lässt den Unmut weiter anwachsen, da die Mannschaft in ihrer Lethargie gefangen scheint. Doch ist das nächste negative Kapitel in der Geschichte des angestrebten Stadionneubaus das Thema, das vielen Fans zurzeit sauer aufstößt. Was bleibt den Herthanern in dieser Phase der Saison? An welchen Strohhalm soll man sich klammern, um doch noch etwas Positives aus der aktuellen Situation zu ziehen?

Berlin und die Bauprojekte

Der geplante Wunschort, der Berliner Olympiapark, wurde von der Berliner Regierung abgelehnt. Grund hierfür sind rund 100 Anwohner, für deren Umsiedlung kein umsetzbares Konzept der Hertha vorgelegt wurde. Man hat sich scheinbar naiv auf die Zusage des Berliner Senats verlassen, was sich nun aber als Fehlkalkulation herausstellte. Über 50 verschiedene Standorte hat Hertha für einen zukünftigen Stadionbau näher betrachtet, einige sogar im Brandenburger Lande.

Die Ostkurve zeigt deutlich, wo sie ihren Verein in Zukunft sehen wollen. Hertha gehört zu Berlin und will die Hertha mit Berlin verbunden sein, sollte das Stadion auch hier gebaut werden. Als neuer möglicher Bauort wird Tegel gehandelt, aber auch das steht noch in den Sternen. Bleibt zu hoffen, dass sich der geplante Stadionneubau nicht so hinzieht wie eine andere berühmt-berüchtigte Großbaustelle in Deutschlands Hauptstadt, die seit knapp 10 Jahren Eröffnung um Eröffnung verschiebt und wo das Abheben des ersten Lufthansa-Vogels noch nicht abzusehen ist. Hier einen Strohhalm zu finden, der auf die Schnelle neue Klarheit im Stadion-Wirrwarr gibt, dürfte schwierig werden.

Es bleibt alles so wie es ist!

Und da passt auch die derzeitige sportliche Verfassung der Mannschaft. Alle sprachen von einer Reaktion, die man nach der desaströsen Vernichtung gegen Leipzig (0:5, gefühlt 0:8) zeigen wollte. Doch wo genau war jetzt die Reaktion? Die Mannschaft spielte mutlos nach vorne und wirkte vom gegnerischen Matchplan überrascht. Mehr Alibi als das Gekicke in der ersten Hälfte hat sonst nur der Abou-Chaker-Clan. Bereits in der ersten Minute ließ sich die Hertha durch einen schnell ausgeführten Einwurf der Fortuna in der eigenen Hälfte und einen langen Pass dermaßen übertölpeln, dass Jarstein sich zu einem missglückten Ausflug jenseits des Strafraums berufen fühlte und man nur mit viel Glück einem frühen Rückstand entging. Düsseldorf überließ der Hertha den Ball und die wusste damit so viel anzufangen wie Jogi Löw mit Thomas Müller und Mats Hummels. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Düsseldorfer die Schlafmützigkeit nutzen und einen ihrer gefährlichen Konter erfolgreich durch Raman abschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt war das Ergebnis sogar noch schmeichelhaft für die Hertha. Kurz vor der Pause kam dann wie aus dem Nichts der Ausgleich durch Marko Grujic, der sein Tor mit einem starken Ballgewinn am eigenen Sechszehner einleitete und den einzigen gefährlichen Angriff gleich mustergültig abschloss. Nach der Pause hatte man als Zuschauer sogar kurz das Gefühl, die Hertha bricht aus der eigenen Lethargie aus und drängte auf die Führung. Duda hatte das 2:1 auf dem Fuß, doch Rensing hielt überragend. Doch dieses Gefühl hielt nur kurz an. Hertha verteidigte wieder passiver, Düsseldorf bestrafte das umgehend mit dem 1:2, wieder durch Raman. Danach wurde nur noch Düsseldorf gefährlich, einzig die Einwechslung von Dilrosun brachte gelegentliche offensive Akzente. Insgesamt war das jedoch eine enttäuschende Partie der gesamten Mannschaft. Für die Fanseele sind aufgrund einiger Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit die Spiele gegen Düsseldorf etwas Besonderes. Somit sind solche Nichtleistungen gleich doppelt bitter.

Die Anzeichen

Die Pressekonferenz im Anschluss ließ Hertha-Fans nachdenklich zurück. Denn wie zu oft hatte Dardai die gleichen Erklärungen für die Niederlage. Man hat nicht gekämpft, die Tagesform hat nicht gestimmt, der Gegner war besser.

Worte, die mittlerweile jeder Herthaner kennt. Klar, die Mannschaft ist jung und ihr fehlt es an Erfahrung, doch kann man nicht alles nur darauf schieben. Es ist auch Aufgabe des Trainers, die Mannschaft zu entwickeln. Dardai hat das Team weit vorangebracht und aus Hertha einen Club gemacht, der mit viel Talent versehen ist. Doch die derzeitige Talfahrt ist auch der Tiefpunkt der Dardai-Ära. 4 Niederlagen aus 5 Spielen sprechen eine deutliche Sprache, aber auch die Art und Weise ist besorgniserregend. Für Dardai könnte es zum Ende der Saison eng werden, wird nicht bald eine Kehrtwende geschafft. Er selbst wirkt angeschlagen und weiß um die Situation.

Dardai hat viele Talente in die Profimannschaft integriert, nur darf das nicht der einzige Gradmesser für die Position eines Trainers sein. Es gibt im Sommer sowieso schon Veränderungen im Trainerstab, bleibt die Frage, ob neben dem Co nicht auch der Cheftrainer ausgetauscht wird. Dardai selbst will nur das Beste für seinen Herzensclub. Und ich wünsche mir, dass man in den letzten Spielen endlich ein anderes Gesicht zeigt, denn Dardai hat mit seiner ehrlichen Art deutschlandweit viel Sympathie für die Hertha erreicht.

Nach welchem Strohhalm soll man greifen, um aus der jetzigen Situation etwas Positives ziehen zu können?

Spielerisch gab es gegen Düsseldorf nur einen Lichtblick. Javairo Dilrosun brachte nach seiner Einwechslung den Spielwitz zurück, mit dem Hertha zu Saisonbeginn für Furore sorgte. Wenn Dilrosun hoffentlich bald wieder bei 100% ist, könnte es offensiv wieder schneller und kreativer werden. Wenn man dazu noch endlich einen echten Rechtsverteidiger bei einer Viererkette aufstellen kann und Lazaro wieder auf den rechten Flügel vorrückt, dann könnte der Spaß zurückkehren. Die Strohhalme sind durchaus vorhanden, doch sind sie sehr kurz. Zumal mit Hoffenheim ein Gegner kommt, gegen den man in der aktuellen Form fast auf Schadensbegrenzung aus ist.

Die neue Hertha

Was bleibt der Hertha also noch? Naja, wir haben jetzt ein neues tierisches Vereinsmitglied. Und falls man in der Berliner Melancholie gefangen ist, lohnt sich ein Blick auf den Instagram Account der kleinen Hertha.

Es ist nicht viel, was einem zurzeit bleibt. Aber es kommen auch wieder bessere Tage und man muss als Fan auch die Tiefs einer Mannschaft erleben, um die Erfolge umso mehr zu feiern. Auch wenn die Saison sich gerade zieht und man auch in der Stadionfrage keine glückliche Figur abgibt, die Hertha findet wieder in die Spur, es ist nur eine Frage der Zeit. Zumindest ist das meine Hoffnung, die dann vermutlich nach der Partie gegen Hoffenheim erneut zerstört sein wird.

Diese Woche … bei Hertha BSC, KW 13

Von Chris Butzke

Same procedure as every game

Was ein Einstand für die 12producer. Nach einer erschreckenden Leistung gegen die roten Bullen aus Leipzig bleibt wenig Optimismus und der positive Schwung aus der Hinrunde hat sich in Ratlosigkeit, Kopfschütteln und auch eine gewisse Wut umgewandelt. Die Niederlage tat der Hertha-Seele gleich in mehrfacher Hinsicht weh. Zum einen gerät das ausgegebene Saisonziel, nämlich ein einstelliger Tabellenplatz, angesichts solcher Leistungen mehr und mehr in Gefahr, zum anderen scheint es den Spielern aber auch egal zu sein. Auch Dardai scheint das Auftreten des Teams wie die Fans zu sehen und fand auf der Pressekonferenz nach der Partie keine Worte, die dem Spiel angemessen wären.

So wie Dardai fühlten sich fast alle Herthaner. Die sozialen Medien waren wie leergefegt, zum x-ten Mal hat man sich nach einem Aufbäumen gesehnt, wenn der Spielverlauf mal nicht in die eigenen Karten spielt. Diese Sehnsucht raubt Kraft. Diese Sehnsucht nagt an der Fan-Substanz. Man verlangt ja nicht, dass man Leipzig, einem CL-Team, auf Augenhöhe begegnet, aber man erwartet nicht das Hissen der weißen Fahne bereits nach dem ersten Gegentor. 


Es geht doch auch anders 

Es tut auch weh, da man weiß, was die Mannschaft kann. Gegen die Borussia aus Dortmund hat man sich mehr als teuer verkauft, hätte mit etwas Glück zwei Unentschieden aus beiden Partien holen können. Die Bayern wurden mehr als nur geärgert, Gladbach hat man zweimal die Grenzen aufgezeigt und sie in der Rückrunde komplett in die Krise geschossen. Nur waren das alles Partien, wo man die Anfangsphase schadlos überstand und selbst die Führung erzielte. Wenn die Partie aber mit viel Gegenwind beginnt und das Tor dann für den Gegner fällt, stellt sich kaum jemand dagegen. Diese Niederlagen tun mehr weh als ein später K.O. gegen Dortmund oder ein unglücklicher Ausgleich von Pizarro gegen Bremen.

Ist die alte Dame nicht alt genug?

Doch was sind die Ursachen für diese regelmäßigen Selbstaufgaben? Liegt es an der fehlenden Erfahrung im Team? Gegen Leipzig standen mit Jarstein, Lustenberger und Kalou nur drei Spieler auf dem Feld, die über 24 Jahre alt sind. Lustenberger war zudem an den ersten beiden Toren durch schlechtes Stellungsspiel und einem totalen Blackout mehr mit sich selbst beschäftigt, als der Mannschaft neue Impulse für eine Aufholjagd zu geben. Jarstein im Tor tut sein Bestes und ist für die junge Abwehrreihe ein wichtiger Rückhalt, doch ist sein Einfluss aus Positionsgründen eher gering. Kalou hingegen hing wie die komplette Offensive in der Luft. Er ist nicht der Typ, um eine Mannschaft wachzurütteln, ist jedoch aufgrund seines Torriechers und seiner Cleverness wichtig, da er gegen die Top-Teams meist auch Topleistungen und für das Team so wichtige Führungen erzielt. Sein Sturmpartner in spe, Vedad Ibisevic, fehlte hingegen mit einer Rotsperre. Und da ist eins seiner größten Probleme auch gleich zu sehen. Der Vedator ist voller Temperament und gibt alles für die Hertha, nur ist er das komplette Gegenteil von Kalou und ist zu geladen bei seinen Aktionen. Als Kapitän hat man in einem Team mit Youngstern eine Vorbildfunktion und somit darf man sich keine Ausraster leisten. 

Jugend forscht

Wenn es also die Routiniers nicht können, wer soll dann die Rolle des Leaders übernehmen? Die Frage beantwortet sich schon jetzt zu Teilen auf dem Platz. Denn bei aller Kritik an der Lethargie der Mannschaft, es gibt auch einige Spieler, die gerade dabei sind, an sich und der Aufgabe in Berlin zu wachsen. Lazaro und Selke sind wohl die besten Beispiele für Kampfgeist. Man merkt beiden Spielern nach einer Niederlage sofort an, dass sie mehr als nur angefressen sind, was sie auch in jedem Interview offen und direkt ansprechen. Sie zeigen auch oft auf dem Platz, dass sie sich mit einem Rückstand nicht zufriedengeben. Jedoch gibt es gerade bei Lazaro in letzter Zeit vermehrt das Problem, dass er sich selbst von der Kritik ausnimmt, was in der Hinrunde noch nicht der Fall war. Dabei hat er gerade defensiv auf der ungewohnten rechten Außenverteidigerposition noch einige Schwächen, obwohl sich sein Defensivspiel schon klar verbessert hat. 

Das Prinzip Hoffnung

Neben den beiden Charakteren wächst ein noch weiteres Duo heran, welches sich in der Zukunft auch ernsthafte Hoffnungen auf die Kapitänsbinde machen kann. Ibisevic ist nach seinem Ausraster gegen Dortmund in die Kritik geraten, ob er so für das Amt des Kapitäns noch geeignet ist. Seine Nachfolger könnten sich in Herthas Innenverteidigung befinden. Niklas Stark und Karim Rekik wachsen weiter an der manchmal etwas führungslosen Hertha. Während Rekik schon letztes Jahr mit wichtigen Kommandos seine Kollegen und besonders Talentjuwel Torunarigha unter seine Fittiche nahm, hat Stark sich zu einem Anker entwickelt, den nichts so leicht umstößt, nicht mal ein Eigentor gegen Mainz. Während den meisten Spielern nach so einer Aktion der Kopf rot angelaufen wäre und sie versucht hätten, im Erdboden zu versinken, hat Stark mit seiner Körpersprache sofort angezeigt, dass die Hertha das Spiel nicht aus der Hand gibt. Auch gegen Leipzig schienen die beiden Verteidiger im Verbund mit Jarstein die einzigen Spieler zu sein, die sich nicht abschießen lassen wollten. Ohne sie wäre die Niederlage noch deutlicher ausgefallen. Doch fehlt der Hertha besonders im Mittelfeld die Geilheit auf Punkte und der Glaube an ein Comeback. Hier muss die Hertha für die Zukunft vielleicht auch einen Spieler holen, der Arne Maier und Co anlernt und mitreißt. Denn allein mit Talenten aus der eigenen Jugendakademie geht es auch nicht.

Es bleibt also festzuhalten, dass diese Saison für die Hertha beendet ist, weil es einem Großteil der Mannschaft an der nötigen Mentalität fehlt. Man kann also nur hoffen, dass die Spieler, die Ansätze für höhere Positionen zeigen, diese auch wirklich einnehmen können. Außerdem könnte durch die feststehenden Veränderungen im Trainerstab neue Impulse für das Team entstehen und der Glaube an sich selbst wachsen. Denn wenn die Hinrunde eins gezeigt hat, dann dass in Berlin genug Talent vorhanden ist, um in Zukunft den nächsten Schritt zu gehen.