Fünf Regeländerungen, die den Fußball voranbrächten

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Das International Football Association Board (IFAB) ist viel besser als sein Ruf. Und gar nicht so konservativ, wie viele glauben, sondern gleichermaßen behutsam und innovativ. Für die kommende Saison hat es viele sinnvolle Regeländerungen beschlossen. Weitere Ideen sollten möglichst bald umgesetzt werden. Welche das sind, sagt Alex Feuerherdt von Collinas Erben.

Selbst unter Schiedsrichtern, also meinen Kollegen, finden sich erstaunlich viele, die auf die Frage, wer eigentlich die Regeln macht, nach denen sie pfeifen, ohne zu zögern antworten: »Die FIFA, wer sonst?« Das in Wahrheit dafür zuständige International Football Association Board (IFAB) kennen manche offenbar gar nicht. Vielleicht liegt es an der vergleichsweise geringen Medienpräsenz dieser Organisation – immerhin die Legislative des Fußballs –, dass sie eher wenigen bekannt und vertraut ist, obwohl sie schon seit 1886 existiert. Aber das IFAB tritt auch nur einmal pro Jahr so richtig in Erscheinung, nämlich dann, wenn es seine Jahresversammlung abhält, auf der es die Regeländerungen für die jeweils folgende Saison bekannt gibt.

Im Grunde genommen ist das IFAB fast schon ein Relikt. Nur acht Mitglieder hat sein oberstes Gremium, die General Assembly: Vier kommen aus den britischen Fußballverbänden England, Nordirland, Schottland und Wales, die übrigen vier von der FIFA, die 1913 dem IFAB beitrat. Seit über hundert Jahren wachen also gerade mal acht Menschen, die Hälfte davon sind aus traditionellen Gründen Briten, über die Fußballregeln. Soll am Regelwerk etwas geändert werden, müssen sechs von acht Mitgliedern zustimmen, wobei die Vertreter der britischen Verbände unabhängig voneinander abstimmen können, die Vertreter des Weltfußballverbands dagegen einheitlich votieren müssen.

Allerdings werden Regeländerungen natürlich nicht einfach spontan auf der Generalversammlung ersonnen und verabschiedet oder verworfen, sondern sorgfältig vorbereitet. Es gibt ein Board of Directors, dem die Generalsekretäre der vier Nationalverbände und der FIFA angehören, sowie mehrere Beratungsgremien; auf dem Annual General Meeting werden einige Monate vor der Generalversammlung die Vorschläge für Regelmodifikationen unterbreitet. Dennoch eilt dem IFAB ein wenig der Ruf voraus, intransparent und eine Runde stramm konservativer alter Männer zu sein, die Neuerungen scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Doch seit einigen Jahren hat die Organisation zumindest eine eigene Website und mit dem Schweizer Lukas Brud außerdem einen sehr aktiven und stets auskunftsbereiten jungen Generalsekretär.

Das IFAB ist behutsam, aber auch innovativ

Darüber hinaus ist der Vorwurf der Reformfeindlichkeit vor allem aus zwei Gründen zumindest fragwürdig. Zum einen bedarf es bei der Anpassung des – weltweit in allen Spiel- und Altersklassen gültigen – Regelwerks einer derart populären Sportart großer Behutsamkeit. Schließlich müssen sich die Mannschaften darauf einstellen und die Schiedsrichter bis hinunter in die tiefsten Ligen intensiv mit den Neuerungen vertraut gemacht werden, damit sie sie auch richtig umsetzen. Es besteht also Anlass zur Zurückhaltung. Zum anderen hat das IFAB in der Vergangenheit gezeigt, dass es sehr wohl willens ist, notwendige Änderungen vorzunehmen, darunter auch einschneidende wie das sogenannte Rückpassverbot im Jahr 1992, das letztlich zu einer Revolutionierung des Torwartspiels geführt hat: Seitdem die Keeper den Ball, den ihnen ein Mitspieler absichtlich mit dem Fuß zuspielt, nicht mehr mit den Händen aufnehmen dürfen, hat sich ihre Spielweise verändert und ihre fußballerische Qualität verbessert.

Die Abseitsregel respektive deren Auslegung ist in den vergangenen Jahren mehrfach modifiziert worden, um die Offensive zu stärken und den Fußball so attraktiver zu machen. Vor drei Jahren hat das IFAB das Regelwerk zudem gründlich entrümpelt und verschlankt. Zur kommenden Saison gibt es eine Reihe von Änderungen, die sämtlich den Entwicklungen und Bedürfnissen des modernen Fußballs Rechnung tragen: Spieler, die ausgewechselt werden sollen, müssen das Feld dann auf kürzestem Weg verlassen; beim Abstoß muss der Ball den Strafraum nicht mehr verlassen; beim Schiedsrichterball bekommt diejenige Mannschaft den Ball, die ihn zuletzt hatte; auch Teamoffiziellen – also Trainern und Mannschaftsbetreuern – können künftig Gelbe und Rote Karten gezeigt werden. All das soll einer weiteren Beschleunigung des Spiels dienen sowie für mehr Fairness und Transparenz sorgen. Das ist gut so.

Welche Regeländerungen dem Fußball gut täten

Einige dieser Regeländerungen fanden sich als Vorschläge bereits in der »Play Fair!«-Kampagne, die das IFAB auf ihrer Generalversammlung vor drei Jahren vorgestellt hat. Es handelt sich um eine Verbesserungsinitiative, deren Ideen in drei Kategorien unterteilt sind: »Keine Änderung der Spielregeln erforderlich – kann umgehend umgesetzt werden«, »Bereit für Testlauf/Experiment« und »Offen zur Diskussion«. Diese Kampagne hat bislang zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, dabei enthält sie viele Anregungen, die eine Debatte wirklich lohnen würden. Hier sind fünf Beispiele.

1. Nur der Kapitän spricht den Schiedsrichter bei Kontroversen an: Vorgeschlagen wird ein strengerer Umgang mit Spielern, die den Schiedsrichter anpöbeln oder umzingeln. Gedacht ist beispielsweise an einen verstärkten Einsatz von Gelben Karten. Angeregt wird ferner: »Nur der Spielführer darf den Schiedsrichter (oder andere Spieloffizielle) ansprechen, wenn eine Entscheidung ›kontrovers‹ ist.« Gute Ideen, die zwar anfangs vermutlich in manchen Spielen für eine Kartenflut sorgen würde, aber bei entsprechender Konsequenz seitens der Referees schon bald durchgesetzt wären. Das Umringen des Unparteiischen und der vielstimmige Protest gegen seine Entscheidungen ist längst zu einer ärgerlichen Unsitte geworden. Es ist Zeit, dass das aufhört oder wenigstens stark eingedämmt wird.

2. Effektive Spielzeit (die Uhr wird jedes Mal angehalten, wenn der Ball außerhalb des Spielfelds ist): Es mehren sich die Stimmen, die eine Einführung der Netto-Spielzeit fordern, wie es sie etwa beim Handball und beim Eishockey gibt. Auch das IFAB stellt diesen Vorschlag zur Diskussion und verbindet ihn mit der Anregung, die effektive Spielzeit dann von 45 auf 30 Minuten je Spielhälfte zu verringern. Was im Profifußball problemlos zu bewerkstelligen wäre und der Zeitschinderei ein Ende bereiten würde, könnte im Amateurbereich allerdings für Schwierigkeiten sorgen. Zum einen finden dort auf den Sportplätzen an den Wochenenden oft mehrere Spiele hintereinander statt, die dann kaum noch zuverlässig zu terminieren wären. Zum anderen bräuchte man neutrale Zeitnehmer, was sich angesichts sinkender Schiedsrichterzahlen schwierig gestalten dürfte. Alternativ schlägt das IFAB vor, die effektive Spielzeit auf die letzten fünf Minuten der ersten Halbzeit und die letzten zehn der zweiten zu beschränken, weil dies die Spielphasen seien, in denen die Spieler am wahrscheinlichsten auf Zeit spielten. Das ließe sich auch vom Schiedsrichter selbst umsetzen.

3. Technisches Tor: Der Schiedsrichter sollte auf Tor entscheiden, wenn ein verteidigender Spieler den Ball auf (oder sehr nahe an) der Torlinie mit der Hand spielt und so einen Treffer verhindert. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist das absichtliche Handspiel von Luis Suárez bei der WM 2010 in der Partie zwischen Uruguay und Ghana nach 120 Minuten. Suárez bekam zwar die Rote Karte, doch Ghana verschoss beim Stand von 1:1 den fälligen Strafstoß, und Uruguay gewann das Elfmeterschießen. Die Möglichkeit eines »technischen Tores« wie im Eishockey würde solche grob unsportlichen Aktionen ins Leere laufen lassen.

4. Nachschussverbot bei Strafstößen: »Bei den meisten Strafstößen laufen Spieler beider Teams in den Strafraum, bevor der Strafstoß ausgeführt wurde, was recht ärgerlich ist, da der Schiedsrichter dies nur selten bestraft (häufig als Folge davon, dass er sich auf den Schützen und den Torhüter konzentrieren muss)«, schreibt das IFAB. Dieses Problem könnte durch ein Nachschussverbot gelöst werden. Das hieße: Wenn der Ball nicht ins Tor geht, gibt es einen Abstoß. Somit müssten die Spieler sich nicht mehr an der Strafraumgrenze zusammendrängen, und es gäbe keinen Grund mehr, zu früh loszulaufen. Und wenn es doch jemand täte? Auch dazu hat das IFAB eine Idee: »Ein Strafstoß [ist] ›verwirkt‹, wenn ein angreifender Spieler den Strafraum betritt, bevor der Strafstoß ausgeführt wurde. Wenn dies durch einen verteidigenden Spieler geschieht, wird ein verschossener/gehaltener Strafstoß wiederholt.« 

5. Halbzeit- und Schlusspfiff nur, wenn der Ball nicht (mehr) im Spiel ist: »Manchmal pfeift der Schiedsrichter die erste oder zweite Halbzeit in dem Moment ab, in dem ein Schuss ins Tor geht oder ein Team einen vielversprechenden Angriff oder eine Torchance hat«, umreißt das IFAB ein Problem, das immer mal wieder für Ärger sorgt. »Um diese Diskussion zu verhindern und für mehr Spannung zu sorgen, könnten die Spielregeln so abgeändert werden, dass der Schiedsrichter die erste oder zweite Halbzeit erst abpfeift, wenn der Ball nicht mehr im Spiel ist.« Hierdurch könnte die angreifende Mannschaft den Anreiz bekommen, den Ball im Spiel zu halten und zu versuchen, sich eine Torchance zu erspielen. Gleichzeitig werde der Schiedsrichter davor bewahrt, das Spiel abzupfeifen, während der Ball ins Tor geht. Auch das ist eine sinnvolle, leicht umzusetzende Idee.

Da möchte man ausrufen: IFAB, go for it! Es müssen ja nicht gleich alle fünf Änderungen gleichzeitig eingeführt werden. Aber wenn sie sukzessive im Regelwerk verankert würden, wäre das zum Wohle des Fußballs.