Luca Toni – Der wärmende Italiener

Mitarbeiter des Tages, 26. Mai 2019: Luca Toni

Von Lars Mahrendorf

Erster Besuch in der Allianz Arena

Nachdem meine damalige Freundin – heutige Ehefrau – bereits seit knapp drei Monaten in München wohnte, wurde es Zeit, dem lokalen Fußballverein einen ersten Besuch abzustatten. Der Wettbewerb war aber ungewöhnlich. Zum einen war es bereits 2007 nahezu unmöglich an Eintrittskarten für die Bundesligaspiele der Bayern zu kommen. Zum anderen spielte der große FCB in der Saison 2007/08 nicht in der Champions League, sondern im, Zitat Franz Beckenbauer, „Verlierercup“, dem ungeliebten Uefa-Pokal. Statt Manchester United gastierten die Bolton Wanderers in der Allianz Arena. Alternative für Benfica Lissabon war S.C. Braga. Am 19. Dezember wartete im letzten Pflichtspiel der Saison Aris Thessaloniki F.C. aus Griechenland als Gegner.

Klose, Ribéry … und Luca Toni!

Das Wetter war winterlich kalt, um nicht zu sagen saukalt. -10° standen auf dem Thermometer, gefühlt waren es eher -25°. Die Bayern versprachen zumindest einen Gratispunsch für jeden Besucher. Selbiger stellte sich aber direkt als lauwarmes Gebräu heraus. Die Hoffnung lag also darauf, dass ein gutes Spiel die Zuschauer wärmen würde.

Neben Miroslav Klose und Franck Ribéry verstärkte ein Italiener namens Luca Toni vor der Saison die Mannschaft. Ich wusste zwar, dass der 1,93m große Hüne mit Italien Weltmeister und beim AC Florenz Torschützenkönig geworden war, aber wirklich näher kannte ich Toni nicht. Das änderte sich in den ersten Monaten dieser Spielzeit, und an diesem kalten Dezemberabend sollte der Stürmer auch live überzeugen.

Anmerkung: Entschuldigung für die Videoqualtität! Falls jemand aus der fernen Vergangenheit 2007 ein bessere Video findet, bitte bei uns melden!

Schlitzohr mit Torriecher

Unter gütiger Mithilfe des griechischen Torhüter Chalkias, staubte Luca Toni in der ersten Halbzeit zweimal ab, und brachte die Bayern schon früh auf die Siegerstraße. Am Ende schnürte er einen Viererpack, oder wie der Münchner Stadionsprecher Stephan Lehmann es ausdrückte, „eine fußballerische Pizza Quattro Stagioni“. An Toni lag es nicht, dass wir an diesem Abend dennoch mächtig durchgefroren zuhause ankamen.

Als Tormusik hatten sich die Bayern für den Italiener „Bello e impossibile“ von Gianna Nannini ausgesucht. Der Titel passte sehr gut, denn Toni bezauberte nicht nur die Münchner Damenwelt mit seinem Äußeren, sondern war fußballerisch in der Lage, Tore auf jede erdenkliche Weise zu erzielen. Mal filigran, mal mit Wucht, traf Toni für den FC Bayern in 60 Einsätzen insgesamt 36 Mal. In besonderer Erinnerung bleiben dabei wohl vor allem sein 2:1 in der Nachspielzeit 2009 gegen die TSG Hoffenheim, und die beiden Tore zum 3:3 nach Verlängerung in Getafe. Außerdem bildete er im Verbund mit Franck Ribéry ein kongeniales Duo auf und neben dem Platz, diverse Albereien und Späßchen inklusive.

Bei Louis Van Gaal fiel Toni schnell in Ungnade. Anfang 2010 wurde er nach Cagliari ausgeliehen, und war danach noch bis 2016 für verschiedene Mannschaften aktiv. Luca Toni wird heute 42 Jahre alt.

Martin Brodeur – Des Teufels Torhüter

Mitarbeiter des Tages, 06. Mai 2019: Martin Brodeur

Von Lars Mahrendorf

Heutzutage schwer vorstellbar, aber es gab tatsächlich eine Zeit, als die NHL drauf und dran war, der NBA in Nordamerika den Rang als modernste Liga abzulaufen. 1994 bezeichnete die New York Times die National Hockey League als “hip” und “sexy”. Sports Illustrated analysierte ausführlich die Wachstumsraten bei Einschaltquoten und Fanartikelverkäufen der beiden Ligen. Der “Boom” nach der ersten Meisterschaft der New York Rangers seit 54 Jahren hielt exakt einen Sommer lang. Dann folgte der erste Lockout in der Ära Gary Bettman. Die verkürzte Saison endete fast mit dem nächsten Ende der Durstrecke einer Original Six-Mannschaft, aber die Detroit Red Wings verloren gegen die New Jersey Devils und ihren jungen Torhüter.

Martin Brodeur hatte sich 1994 als Nummer eins im Tor der Devils etabliert. Erst im Finale der Eastern Conference war nach sieben engen Partien gegen den späteren Meister aus New York Endstation. Ein Jahr später waren die Teufel erstmals reif für den Titel. Vor allem Brodeur war der Grund dafür, dass New Jersey als Sechster der Vorrunde im Osten bis ins Finale vordringen konnte. In der ersten Runde beispielsweise, blieb Martin Broder gegen die Boston Bruins in drei von fünf Spielen ohne Gegentreffer. Über Pittsburgh und Philadelphia führte der Weg ins Finale gegen Detroit.

Die Red Wings warteten ihrerseits seit 40 Jahren auf den Titel in der NHL. Brodeur zeigte erneut gute Leistungen und kassierte nie mehr als zwei Gegentore im Finale. Die Meisterschaft von 1995 sollte der Auftakt zu einer großen Karriere für Martin Brodeur sein.  Bei seinem Rücktritt 22 Jahre später, konnte der Kanadier auf folgende Zahlen und Trophäen zurückblicken:

  • 691 Siege in 1166 Spielen
  • 124 Shutouts in der regulären Saison
  • 48 Siege in der Saison 2006-2007
  • 24 Shutouts in den Playoffs
  • 8 Spielzeiten mit mehr als 40 Siegen
  • 5 Williams M. Jennings Trophy für die wenigsten Gegentore in der Hauptrunde
  • 4 Vezina Trophies als bester Torhüter
  • 3 Stanley Cup-Siege
  • 2 Goldmedaillen
  • … und sogar ein Tor in den Playoffs

Dennoch war Brodeur mit seinen Devils auch einer der Gründe, warum die NHL doch nie an die Popularität der NBA heranreichte. In der “Dead Puck Ära” war es vor allem auch das defensive Eishockey von New Jersey, was die Liga zunehmend unattraktiver für Fans und Zuschauer machte. Erst nach zwei weiteren Lockouts und zahlreiche Regeländerungen wurde die Spielweise, die Brodeur 1995 mit seinen Devils zum Stanley Cup führte, durch schnelleres und attraktiveres Eishockey abgelöst.

Martin Brodeur wird heute 47 Jahre alt.

Brooks Koepka – Per Umweg zum Major Champion

Mitarbeiter des Tages, 03. Mai 2019: Brooks Koepka

Von Lars Mahrendorf

Für die meisten amerikanischen Golfer ist der Weg in die PGA Tour und an die Weltspitze vorgegeben. College – Q-School – PGA Tour. Wenn es schlecht läuft, dann gibt es noch den Umweg über die Web.com-Tour. Jordan Spieth, Justin Thomas, und Patrick Reed sind drei Beispiele aus den letzten Jahren für junge Spieler, die diese Stationen auf dem Weg in die große Profitour gingen. Der erfolgreichste Golfer der letzten beiden Jahre musste einen Umweg machen.

Challenge Tour – European Tour – Japan Golf Tour

Brooks Koepka scheiterte im PGA Tour Qualifying Tournament und schloss sich im Sommer 2012 der europäischen Challenge Tour an. Nach einem einzelnen Sieg in seiner ersten Saison, gewann er 2013 innerhalb von nur acht Wochen drei Turniere. Mit dem Sieg bei der Scottish Hydro Challenge qualifizierte Koepka sich für die restlichen Veranstaltungen des Jahres auf der European Tour. Nach der ersten kompletten Saison auf der europäischen Tour, inklusive einem Sieg bei der Turkish Airlines Open, wurde Koepka 2014 zum ” Sir Henry Cotton Rookie of the Year” ernannt.

Es folgten die ersten Gehversuche auf der PGA Tour und 2015 auch direkt ein Sieg bei der Waste Management Phoenix Open. Die großen Titel gewannen aber andere. Spieth, Thomas und Koepka’s Kumpel Dustin Johnson holten sich ihre ersten Erfolge bei den Majors. Koepka konnte 2015 und 2016 bei der PGA Championship jeweils eine Top 5-Platzierung erreichen. Erfolge verzeichnete der Mann aus West Palm Beach in Florida nur auf der Japan Golf Tour.

Sieg mit Rekord bei den US Open

Am 18. Juni 2017 gelang Koepka auch auf der großen Bühne der endgültige Durchbruch. Vor der Schlussrunde lag er mit zusammen mit Brian Harman mit -12 in Führung. Während der finalen Runde verbesserte sich Koepka auf -13. Als er aber auf den Abschlag des 13. Lochs ging, hatte sich der Japaner Hideki Matsuyama durch eine überragende 66 vorübergehend bis auf einen Schlag an Koekpa angenähert. Koepka antwortete mit drei Birdies in Folge und ließ sich seinen ersten großen Titel nicht mehr nehmen.

Am Ende des Turniers in Erin Hills im Bundesstaat Wisconsin siegte Brooks Koepka mit einem Ergebnis von -16. Das bedeutete, neben dem ersten Titel bei einem der vier Majors, auch die Einstellung des Rekords für das beste Ergebnis unter Paar bei den USA Open. Den hatte bis dato Rory McIlroy (der hat morgen Geburtstag) gehalten. Brooks Koepka wird heute 29 Jahre alt.

Isiah Thomas – Bad Boy mit zu schlechtem Ruf

Mitarbeiter des Tages, 30. April 2019: Isiah Thomas

Von Lars Mahrendorf

Keine Nominierung ins Dream Team

Alle waren 1992 dabei. Amerika wollte endlich wieder die Goldmedaille im Basketball gewinnen. Dafür wurden erstmals Profispieler aus der National Basketball Association zu den olympischen Spielen nach Barcelona geschickt. Allen voran die absoluten Superstars und mehrfachen Meister Michael Jordan, Magic Johnson, und Larry Bird. Dazu Sidekick Scottie Pippen, und die Jungs, die ihre Titel in den folgenden Jahren gewinnen wollten. David Robinson, Charles Barkley, Chris Mullin, Clyde Drexler, Patrick Ewing, Karl Malone und John Stockton. Ergänzt wurde diese illustre Runde mit Collegespieler Christian Laettner. Einer fehlte jedoch in der Auswahl der USA – Isiah Thomas.

Dabei hatte der Point Guard die Detroit Pistons 1989 und 1990 zu zwei Titeln in Folge geführt. Aber er wurde das Opfer seiner Rolle bei den Bad Boys der Detroit Pistons. Im Buch “When the Game Was Ours” wird Magic Johnson mit folgenden Worten zitiert: “Isiah zerstörte seine eigenen Chancen, was die olympischen Spiele betrifft. Niemand in dieser Mannschaft wollte mit ihm spielen… Michael wollte nicht mit ihm Spielen, Scottie wollte nichts mit ihm zu tun haben. Bird hat sich nicht für ihn eingesetzt. Karl Malone wollte ihn nicht. Wer hat gesagt, “Wir brauchen diesen Jungen?” Niemand.” Thomas war für Spieler und Fans außerhalb Detroits ein Feindbild.

Mit einem Knöchel fast zum ersten Titel

Sportlich hätte Isiah Lord Thomas III definitiv eine Nominierung in den Olympiakader der Vereinigten Staaten verdient gehabt. Dabei waren die beiden Titel zwar der größte Erfolg in seiner Karriere, sein Meisterstück lieferte Thomas aber vielleicht in Spiel sechs der Finalserie 1988 ab. Die Detroit Pistons führten gegen die Los Angeles Lakers mit drei zu zwei Spielen. Nur ein Sieg fehlte noch zur Meisterschaft. Zur Halbzeit lagen die Lakers im heimischen Forum mit 53:46 vorne.

Thomas führte die Pistons mit 14 Punkten fast im Alleingang wieder heran. Ausgerechnet bei einer Vorlage auf Mitspieler Joe Dumars verletzte sich Thomas dann aber schwer. Er landete auf dem Fuß von Gegner Michael Cooper und knickte mit dem rechten Knöchel um. Thomas musste vom Spielfeld geführt werden, weil er den Fuß nicht mehr belasten konnte. Doch Aufgeben war keine Option. Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte “Zeke” wieder aufs Parkett. Trotz sichtbar lädiertem Knöchel, versuchte Isiah Thomas weiterhin alles um die Lakers zu schlagen. Elf der nächsten 14 Punkte erzielte Thomas selbst. Im dritten Viertel waren es 25 von 35 Punkten – bis heute ein Rekord für ein Finalspiel.

Doch auch die insgesamt 43 Zähler von Thomas in Spiel sechs reichten nicht aus. Die Lakers siegten (nach einem zweifelhaften Foul an Kareem Abdul-Jabbar) mit 103:102. Im entscheidenden siebten Spiel war Thomas durch seine Verletzung nicht mehr in der Lage Detroit die entscheidenden Impulse zu geben. Die Pistons mussten noch ein Jahr auf den ersten Titel warten.

Jordan, Bird, die halbe Liga – eine lange Liste von Feinden

Die Gründe für die Ausbootung von Thomas im Vorfeld von Barcelona 1992 liegen tiefer. Bereits 1985 gab es angeblich die ersten Probleme mit Michael Jordan. Eine Legende besagt, dass Thomas der Anführer einer Art Verschwörung war, die es zum Ziel hatte, dass der Rookie der Bulls während des All-Star Games so gut wie keine Pässe von seinen Mitspielern bekam. Bis heute gibt es für diese These keine Belege, und selbst Jordan zweifelt die Konspiration an.

Belegt ist jedoch ein Zitat von Isiah Thomas. “Wenn Larry Bird schwarz wäre, dann wäre er nur irgendein Kerl”, sagte Thomas über den Flügelspieler der Boston Celtics. Die Aussage fiel direkt nach dem Aus der Pistons in den Eastern Conference Finals 1987 in der Umkleidekabine. Tage später flog Thomas nach Los Angeles um zusammen mit Larry Bird klarzustellen, dass er diesen Kommentar als Scherz gemeint hatte. Der Ruf war da aber bereits angekratzt.

Selbstverständlich war Thomas in erster Linie vor allem der Anführer der Bad Boys. Die von Chuck Daly trainierte Mannschaft der Detroit Pistons verbreitete Ende der 80er und Anfang der 90er mit kompromisslosem, teils brutalem Spiel Angst und Schrecken in der NBA. Die Drecksarbeit übernahmen dabei eher Center Bill Laimbeer, Forwards Rick Mahorn oder Dennis “the Menace” Rodman, aber auch Thomas war sich für manchen “Dirty Play” nicht zu schade.

Zusätzlichen Unmut von Michael Jordan zog sich der Point Guard dann 1991 zu. Nachdem Thomas’ Pistons Jordan’s Bulls mehrfach aus den Playoffs geworfen hatten, war 1991 Zeit für die Revanche. In nur vier Partien “sweepte” Chicago den Erzrivalen aus der Endrunde. Statt dem neuen Champion im Osten zu gratulieren, verließen die Pistons rund um Isiah Thomas bereits Minuten vor dem Ende der Partie das Halleninnere. Zum Ruf der knallharten Gewinner, die auch die Gesundheit ihrer Gegner für den eigenen Erfolg riskierten, kam jetzt noch das Image der schlechten Verlierer.

Zweierlei Maßstäbe

Wie scheinheilig manche Argumente gegenüber Isiah Thomas waren, zeigt die Entscheidung ausgerechnet Chuck Daily als Trainer des Dream Teams auszusuchen. Daily war es, der als Übungsleiter die “Jordan Rules” bei den Pistons einführte, nach denen alles dafür getan werden sollte, “His Airness” am Korberfolg zu hindern.

Jordan selbst mag nie die körperliche Härte von Thomas an den Tag gelegt haben, aber wenn es um psychologische Spielchen mit Gegnern, aber sogar den eigenen Mitspielern ging, dann war Michael Jordan auch in diesem Feld die Nummer eins. Legendär die “Dankesrede” von Jordan, bei seiner Aufnahme in die Hall of Fame. Mit allem und jedem rechnete “Air Jordan” dabei ab, ob die Hintergründe stimmten oder nicht.

Karl Malone verpasste Thomas im Dezember 1991 einen Ellbogencheck, als dieser zum Korb gezogen war. Der “Mailman” wollte sich dafür rächen, dass Isiah Thomas im vorangegangenen Saisonspiel John Stockton 44 Punkte eingeschenkt hatte. Thomas sah in Stockton denjenigen, der an seiner statt ins Dream Team aufgerückt war. Malone bekam für seine brutale Aktion eine Geldstrafe von 10.000 Dollar und ein Spiel Sperre. Thomas wurde mit 40 Stichen genäht, kehrte aber sogar noch in die Partie zurück.

Während bei allen ausgewählten Spielern des Dream Teams die sportlichen Argumente im Vordergrund standen, wurden gegenüber Thomas unterschiedliche Maßstäbe angelegt.

Rücktritt 1994 vor der WM

Wenigstens für die Weltmeisterschaft 1994 wurde Isiah Thomas ins amerikanische Nationalteam berufen. Dennoch stand er nie im Trikot der USA auf dem Feld. Der Raubbau am eigenen Körper forderte seinen Tribut. Der unbedingte Wille sich gegen Schmerzen und Verletzungen zu stemmen hatte in diesem Fall die Achillessehne zu sehr verschlissen.

Nach 979 Spielen, 18.822 Punkten (19,2 Pro Spiel), 9.061 Vorlagen (9,3), 12 Nominierungen fürs All-Star Game, zwei Titeln und einem MVP als wertvollster Spieler der Finalserie 1990 erklärte Isiah Thomas im Sommer 1994 seinen Rücktritt vom Basketball. 2000 wurde er bei der ersten Gelegenheit in die Basketball Hall of Fame aufgenomnen. Eine späte Genugtuung für den nur 1,85 m Aufbauspieler aus Chicago.

Ein Grund für den immer noch sehr schlechten Ruf von Isiah Thomas ist natürlich ebenfalls seine Karriere nach der Karriere. Die Jahrzehnte seit 1994, in denen er u.a. die Fans der Knicks mit seinen Entscheidungen im Management und als Trainer zur Weißglut brachte sind aber ein anderes Kapitel, dessen Aufarbeitung bis zu einem runden Geburtstag warten kann. Isiah Thomas wird heute 58 Jahre alt.

Andre Agassi – Abschied des Grand Old Man

Mitarbeiter des Tages, 29. April 2019: Andre Agassi

Von Jörg Allmeroth

Es waren schmerzliche Stunden für Andre Agassi am letzten aller seiner Tennis-Tage. Stunden, in denen Agassi gebrechlich wie ein alter Mann durch das Arthur Ashe-Stadion schlurfte. Es waren auch schmerzliche Stunden für Millionen Tennis-Fans, die den bitteren Karriere-Abschied des populärsten Profis des Planeten verfolgten, eine Niederlage gegen einen deutschen Qualifikanten mit Namen B. Becker – wohlgemerkt Benjamin, nicht Boris.

Mit allenfalls halber Kraft, gehandicapt durch eine chronische Ischiasentzündung, war schließlich nach der 5:7, 7:6 (7:4), 4:6, 5:7-Niederlage alles vorbei für den charismatischen Superstar aus Las Vegas – nach exakt 1144 Tour-Spielen und 20 aufwühlenden Tennis-Jahren im Wanderzirkus. Becker schickt Agassi aufs Altenteil – das Ergebnis und die Schlagzeile mochte sensationell anmuten. Wirklich überraschend war es nicht, was sich an diesem sonnigen September-Sonntag in Flushing Meadow abspielte, der Knockout von Agassi, dessen größter Feind sein malader Körper war.

Selbst in der Niederlage war Agassi noch einmal der gefeierte Held von 23 000 New Yorkern, die dem Geschlagenen minutenlange Ovationen bereiteten und ihn zu Tränen rührten. Agassi bedankte sich mit tränenerstickter Stimme bei den Fans: “Ihr habt mich auch in meinen tiefsten Momenten unterstützt und eine Schulter geboten, an die ich mich anlehnen konnte. Ihr habt mir geholfen, Träume zu verwirklichen, an die ich nie in meinem Leben geglaubt habe. Ihr wart eine Inspiration, die mir bis zum Ende meines Lebens bleiben wird.”

870 Tour-Spiele und 60 Turnier-Titel hatte Agassi bis zu diesem 3. September 2006 gewonnen, Becker ganze vier Matches und keinen einzigen Pokal – und doch wird der Mann aus Orscholz für immer mit einem der Größten der Tennis-Geschichte verbunden bleiben. Als jener Spieler, der die Laufbahn von Agassi ein für alle Mal zum Stillstand brachte.

Auch Becker erhob sich nach dem Match von seinem Stuhl und applaudierte Agassi, jenem Spieler, der das Welttennis in den vergangenen beiden Jahrzehnten revolutioniert und in eine neue Ära geführt hatte. “Du wirst für immer unvergessen bleiben”, sagt Becker direkt zu Agassi. Der konnte nach seinem allerletzten Auftritt auf seinem Stuhl die Tränen nicht zurückhalten, ehe er sich ein letztes Mal zu seiner typischen Verbeugung samt Kusshand vor dem Publikum erhob.

Es dauerte nicht lange in diesem Drittrunden-Spiel im größten Tennisstadion der Welt, bis klar war, dass Andre Agassi auch nach drei Spritzencoacktails in den vergangenen Tagen gegen seine Rückenblessur nicht annähernd im Vollbesitz seiner Kräfte war. Sobald es Becker gelang, den müden “Grand Old Man” (New York Times) auf dem Court in die Ecken zu zwingen, ihn zu bewegen, war der elf Jahre jüngere Deutsche sofort im Vorteil und punktete fast nach Belieben. Mit seinem hammerharten Aufschlag, teils bis zu 225 Stundenkilometer schnell, verschaffte sich Bumm-Bumm-Becker ohnehin serienweise leichte Punktgewinne. Becker ging ebenso methodisch präzise gegen sein eigenes Idol aus Kindertagen vor wie gegen unbekannte Rivalen in seinen bisher fünf Matches in der Qualifikation und den beiden ersten Runden im Hauptfeld.

Der “Mann der Stunde” im deutschen Tennis bewies gute Nerven bei den Big Points, zeigte stets sein bestes Tennis, wenn er dazu aufgefordert war. Nach gewonnenem ersten Satz hatte Becker nur einen schwachen Moment im Tiebreak des zweiten Tennisaktes, als er mit zwei Doppelfehlern eine zeitige Vorentscheidung verpasste.
Doch ungerührt von dem Malheur, ging Becker im dritten Satz 3:0 in Front und stellte auch die Kulisse ruhig, die gerade wieder Agassi anzutreiben versuchte.

Im vierten Satz, nun 2:1 in Führung, bekam Becker körperliche Probleme, schien unter Krämpfen zu leiden und bekam lange Zeit bei Agassis Aufschlagspielen keinen Ball ins Feld. Doch auf der Zielgeraden legte er zu, schlug vier Winner bei Agassis Service im elften Aufschlagspiel und holte sich das Break. Wenig später war der Traum des Qualifikanten perfekt, der Traum eines Sieges über Agassi – mit dem 27. Ass setzte Becker, der neue Becker, eine historische Wegmarke im Welttennis fest.

Sein Fazit: “Es fällt mir schwer zu begreifen. Das Ganze ist wie ein Hollywood-Film für mich.“ Andre Agassi wird heute 49 Jahre alt.

Pierre Littbarski – Das Tor, mit dem alles anfing

Mitarbeiter des Tages, 16. April 2019: Pierre Littbarski

Von Axel Goldmann

Ab und an, es kommt in letzter Zeit wieder häufiger vor, denke ich an diesen Samstag im Juni 1983. Ob alles anders gekommen wäre, wenn er dieses eine Tor nicht erzielt hätte. Wenn dieser unverdienteste aller Siege nicht durch ihn entschieden worden wäre. Ob ich vielleicht ein völlig anderes Leben geführt hätte? Ob ich nicht dieser Obsession unterlegen wäre? Manchmal, in diesen düsteren Momenten, wünsche ich mir fast, dass das Tor nicht gefallen wäre. Dass der Fußballgott etwas gerechter gewesen wäre. Vielleicht hätte ich der Verdammnis ein Schnippchen schlagen können. Wer weiß? Aber, das Tor fiel und damit war mein Schicksal besiegelt. Der 1.FC Köln hatte eben im Stadtduell gegen die Fortuna mit 1:0 den DFB Pokal gewonnen. Das Tor schoss Pierre Littbarski. Ich war 7 Jahre alt. Ich war verloren.

Und Pierre Littbarski fortan mein Held. Wir gingen mit dem Ball unter dem Arm zum Bolzplatz, er lag nur wenige Meter die Straße runter, und auf dem Weg dorthin gab es schon wilde Diskussionen, wer denn heute wen spielen durfte. Klaus Allofs, Klaus Fischer, Tony Woodcock und eben Pierre Littbarski waren die Namen, die erbittert gefordert wurden. Da liefen wir dann. Sieben-, Achtjährige, stolz wie Oskar mit einem echten Lederball und neuen Fußballschuhen. Und schrien unsere Begeisterung für das Spiel in die Welt. Littbarski dribbelt sich durch die Abwehr, lässt die Hintermannschaft des FC Bayern wie Slalomstangen stehen, ein Wackler noch, der kluge Pass auf Allofs, der gleich zwei Gegner bindet und mit dem Doppelpass zurück die Lücke schafft, die Litti braucht. Ein Schuss aus 20 Metern in den Winkel. Mindestens. Drunter machten wir es nicht. Dass die Gegner meist aus Luft bestanden, störte nicht weiter. Welch wunderschönes Tor.

Litti. Ein Name wie ein Versprechen

Pierre Littbarski ist der Name, den ich mit dem 1.FC Köln meiner Jugend verbinde. Sicher, als Klaus Allofs im Hinspiel des UEFA-Pokal-Finals 1985 im Santiago Bernabéu das 0:1 erzielte, wirbelte ich durch das Wohnzimmer wie ein Derwisch, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte und den handgeschriebenen Zettel meines Vaters mit dem Endresultat 1:5 auf dem Nachttisch fand, hatte ich das Tor schon wieder vergessen. (Was übrigens eine dreiste Lüge ist. Ich erinnere mich an erschreckend viele Details aus dem Spiel, u.a. an einen Einwurf in der eigenen Hälfte, der wiederholt werden musste, weil der Schiedsrichter mit der Feldposition unglücklich war). Aber das nur abschweifend, es soll ja um Litti gehen.

Litti. Ein Name wie ein Versprechen. Verspielt, künstlerisch. Kurz, prägnant. Litti eben. 1978 kam er nach Köln. Für 13.000 Mark. Karl-Heinz Thielen, damals Manager der Geißböcke, holte ihn als A-Junioren an den Rhein. 18 Jahre war er da alt und hatte noch nicht außerhalb Berlins gespielt. Er kam in eine große Kölner Mannschaft, das Team von Trainer Hennes Weisweiler hatte gerade das Double aus Pokal und Meisterschaft geholt. Harald Konopka, Herbert Zimmermann, Dieter Prestin, Toni Schumacher, Bernd Cullmann, Heinz Flohe, Jürgen Glowacz, Herbert Neumann, Hans Löhr, Dieter Müller und, zu allem Überfluss, Roger van Gool, der damals teuerste Spieler der Bundesliga. Ablösesumme eine Million D-Mark. Aber Pierre Littbarski beeindruckte vom ersten Moment an den knochigen Weisweiler. In seiner ersten Saison kam er auf 16 Einsätze in der Liga und war ebenfalls im Landesmeister-Pokal mit von der Partie. In dieser, mit Stars gespickten Mannschaft, setzte sich ein 18jähriger durch, der das Spiel liebte. Der den Verteidigern Knoten in die Beine dribbelte, den Ball wie mit Wunderkleber immer eng am Fuß führte, der uns jauchzen ließ, wenn er den Ball bekam, weil wir wussten, dass jederzeit etwas Magisches passieren konnte.

Bei diesem Club weiß man ja nie so genau

Nach nur einer Saison wurde er Stammspieler beim 1.FC Köln und auch wenn dieser Verein nie wieder Meister wurde, so denken wir heute an die goldene Zeit unter Pierre Littbarski zurück. 1986 verließ Littbarski den Verein, um sich Racing Paris anzuschließen. Zusammen mit Rabah Madjer und Enzo Francescoli sollte er dem Investor Jean-Luc Lagardère den Erfolg bringen. Littbarski überzeugt auch in Frankreich, doch nach nur einem Jahr war das Heimweh nach Köln größer. Aus eigener Tasche bezahlte er die Ablösesumme, weil der 1.FC Köln das Geld nicht hatte. Ich hoffe wirklich, der „effzeh“ hat ihm das Geld zurückgezahlt. Das weiß man bei diesem Club ja nie so genau.
Litti spielte weitere sechs Jahre am Rhein, bevor er 1993 den Sprung nach Japan, in die damals erstmals boomende J-League wagte. Sein letzter Tag als Fußballer des 1.FC Köln endete mit einer Fahrt im Cabrio über die Tartanbahn des Müngersdorfer Stadions. Ich erinnere mich wie heute. Etwas verloren sitzt er im Heck des Wagens, halb auf den Chassis, halb auf den Sitzen. Er hat einen rot-weißen Blumenstrauß in der Hand und aus den Lautsprechern dröhnt Trude Herrs unverkennbare Stimme: „Ich saach nit leb wohl, dat Wort dat kling wie Hohn, völlig hohl, maach et joot.“

„Niemals geht man so ganz“ heißt das Lied. Es geht um Abschied und Fernweh und Sehnsucht. Und genau das, diese Mischung aus Schmerz und Vorfreude bilde ich mir ein in Littis Augen an diesem Tag erkannt zu haben. Dies war seine Bühne, sein Stadion, seine Fans. Wir klatschten und klatschten und weinten mit ihm. Tschöö Litti. Maach et joot.

406 Spiele bestritt Pierre Littbarski, der heute 59 Jahre alt wird, für den 1.FC Köln. Nie sah man ihn in der Bundesliga in einem anderen Trikot auflaufen. Er schoss 116 Tor für den Club, eins schöner als das andere. Und auch wenn der Höhepunkt seiner Karriere möglicherweise der Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 war, so bleibt für mich doch immer sein Tor zum 1:0 im Pokalfinale 1983 das Tor, mit dem alles für mich anfing. Er schubste mich über die Grenze. Eben noch bin ich ein Kind, das mit seinem Opa zum ersten Mal im Stadion ist, alles aufregend findet und im nächsten Moment bin ich eine der Schöpfungen, bei der der liebe Gott seinen abseitigen Humor unter Beweis gestellt hat: Ein Fan des 1.FC Köln.

Danke dafür, Pierre Littbarski.

Simone Inzhagi – Aus dem Schatten des Bruders

Mitarbeiter des Tages, 05. April 2019: Simone Inzaghi

Von Sascha Staat

Simone Inzaghi, Jahrgang 1976 und geboren in Piacenza, verfolgt seit jeher der Schatten seines großen Bruder Filippo. Der war einst Torjäger vom Dienst bei Juventus und Milan, auch international eine Hausnummer und gewann mit Italien 2006 den WM-Titel. Als Trainer jedoch scheint er seinem “Fratello” etwas voraus zu haben. Aktuell sitzt er bei Lazio auf der Bank und betreut die erste Mannschaft seit 2016, nachdem er sich als Verantwortlicher diverser Jugendteams im Verein hochgearbeitet hat. Zwei Mal konnte er die Coppa Italia mit der “Primavera” ergattern, immerhin. Derweil wird “Pippo” als Coach ein wenig durchgereicht…

Dabei ist auch ein Mann für die Geschichtsbücher, zumindest war er das für ein paar Jahre. Denn Inzaghino, wie auch genannt wird, hielt bis zum 7. März 2013, als Lionel Messi Bayer Leverkusen zum Fraß vorgeworfen bekam und gleich fünf Mal ins Schwarze traf, den Rekord für die meisten Tore in einer Champions-League-Partie. Okay, er teilte ihn sich mit Größen wie Dado Prso oder Sergey Juran, aber immerhin. Im März 2000 wurde Olympique Marseille von Lazio mit 5:1 aus dem altehrwürdigen Stadio Olimpico gefegt, als die Biancocelesti noch eine formidable Startruppe aufboten. Dass er noch einen Elfmeter vergab, Schwamm drüber.

Nach seiner aktiven Karriere war schnell klar, dass Inzaghi den Weg des Trainers einschlagen würde. Eine Auszeit gönnte sich trotz insgesamt 16 Jahren als Profi nicht, sondern nahm das Angebot seines Clubs Lazio dankend an, um dort im Jugendbereich seine ersten Sporen als “Mister” zu verdienen. Nach dem ersten Jahr übernahm er die B-Jugend, nach weiteren drei Spielzeiten die A-Jugend. Als dann im April 2016 ein Nachfolger für Stefano Pioli gesucht wurde, stand Inzaghi parat und steht seitdem in der Serie A an der Seitenlinie.

Robert Downey jr. – Lässiger wird es nicht

Mitarbeiter des Tages, 04. April: Robert Downey jr.

Von Jens Huiber

Kann sich irgend jemand an den Film „Game 6“ erinnern? Anybody? Angeblich 2005 in die Kinos gekommen, wohl mit Michael Keaton in der Hauptrolle, dem Vernehmen nach einer Thematik gewidmet, die alle Fans der Boston Red Sox erschaudern lässt: dem sechsten Spiel der World Series 1986, dem Bill-Buckner-Game also. Robert Downey jr. hat darin einen Theater-Kritiker gegeben, wahrscheinlich in brillanter Manier.

Dies nämlich zieht sich durch das Spätwerk von Herrn Downey, der heute seinen 54. Geburtstag feiert: die spielerische Brillanz. Man muss ihn nicht mit Thomas Müller vergleichen. Aber man darf. Müller ist irgendwann einfach da gewesen, hat zumeist brillant gespielt, manchmal auch unsichtbar. So wie Downey, Achtung: Spoiler Alert, gegen Ende der zweiten Sherlock-Holmes-Verfilmung. Die ja auch die Frage aufwirft: Ist Bob diese Lässigkeit vor der Kamera natur- oder sogar gottgegeben, oder hat Guy Ritchie als Regisseur ein Scherflein dazu beigetragen? Der gute Mann hat immerhin eine Ehe mit Madonna hinter sich, zum Glück hat dies seine Kreativität nicht weiter erschüttert, die großen Cineasten werden sich an „Snatch“ erinnern, ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk.

Dritter Sherlock Holmes geplant

Robert Downey und Guy Ritchie werden sich einen dritten Teil von Sherly gönnen, Jude Law sollte auch wieder mit von der Partie sein. Drei Ausgaben Iron Man haben wir schon hinter uns, schön langsam kommt der Verdacht auf, dass der Downey Bertl oft ach ein bisserl sich selbst spielt. Was aber großartig ist im Vergleich zu Hugh Grant, der früher einmal ganz sicher immer sich selbst gespielt hat.

Einen großen Sportfilm mit Robert Downey jr. würden wir uns noch wünschen, ein Porträt eines alternden, auf die schiefe Bahn gekommenen Football-Coaches vielleicht, gespielt mit der Wucht eines Al Pacinos, der eigentlich auch nicht unlässig war. Pacino aber hat sich vieles über Recherche erarbeiten müssen, Bob dagegen kann aus eigenen Erfahrungen schöpfen. Wie hat Ricky Gervais es bei einer seiner Golden-Globe-Moderationen so schön gesagt: „Many of you in this room know him best from such facilities as the Betty Ford Clinic and Los Angeles County Jail- please welcome Robert Downey jr.“.

Tommy Haas – Für immer jung

Mitarbeiter des Tages, 03. April 2019: Tommy Haas

Von Jens Huiber

Bei den BMW Open in München gibt es mindestens zwei schöne Traditionen: Zum einen ist das Spielerfeld nur dann komplett, wenn der Name Mikhail Youzhny ins Tableau gepinselt werden kann. Wie Patrik Kühnen, der Turnierdirektor, das in zehn bis fünfzehn Jahren machen wird, wenn Youzhny längst auf seiner Datscha an seinen Memoiren arbeitet, bleibt offen. Aber irgendwie wird der Russe am Start sein.
Ebenso traditionell sind allerdings die Rechenspiele, die Kühnen in Hinblick auf den Tennisspieler Tommy Haas anstellt. Nicht auf die Person, die wird am heutigen Mittwoch zarte 41 Jahre alt. Gemäß den Berechnungen von Patrik Kühnen aber sollte Haas immer noch auf dem Court stehen, abzüglich der gesamten Verletzungspausen in seiner Karriere wäre nicht auszuschließen, dass die langjährige deutsche Nummer eins eigentlich um einen Platz beim #NextGen-Masters, dem Saisonabschluss der besten Spieler im Alter von 21 Jahren und jünger, mitrittern sollte.
Macht Tommy Haas aber natürlich nicht. Warum auch? Haas hat als Turnierdirektor von Indian Wells den zweitgeilsten Job im Tennissport. Er singt gemeinsam mit Grigor Dimitrov und Roger Federer ein Gstanzl.

Wenn Tommy Haas ein paar Bälle schlagen möchte, ruft er Pete Sampras, Novak Djokovic und John McEnroe an.

Good for him. Denn Tommy Haas hat aus Sicht von uns Tennis-Aficionados fast alles richtig gemacht, vor allem auch in Hinblick auf eine weitere große Tradition, den Davis Cup: 1998 war Haas das erste Mal am Start, hat Wayne Ferreira in vier Sätzen paniert. 16 Jahre später dann noch einmal Doppel mit Philipp Kohlschreiber gegen Spanien angeboten, ein Sieg auch zum Abschied.

1998 hat der Autor Haas das erste Mal bei den US Open gesehen. Verglichen mit dem späten Haas athletisch mit ganz viel Luft nach oben, aber schon damals mit einer brillanten Rückhand gesegnet. 2002 stand Tommy Haas auf Platz zwei der Weltrangliste, 2009 im Halbfinale von Wimbledon – wo er gegen Federer verlor. Jenen Federer, den er ein paar Wochen zuvor in Paris hätte schlagen müssen, wäre nicht ein leichter Volley zu lang geraten. 2013 in Wien dann der letzte von 15 Titeln, alles gut.

Dass der zweitgeilste Job im Tennissport bald zum allergeilsten mutieren wird, ist übrigens ausgemacht: Severin Lüthi kann nicht ewig Coach und Begleiter von Roger Federer bleiben. Letzterer ist an Tennisjahren genauso alt wie in seinem Reisepass vermerkt.

Linford Christie – In die US-Lücke gestoßen

Mitarbeiter des Tages, 02. April 2019: Linford Christie

Von Jens Huiber

Helsinki 1983. Jeder aufrechte Sportfan sollte sich spätestens zum Anlass der damals, erstaunlicherweise, ersten Weltmeisterschaft der Leichtathleten mit den Grundfesten der Sprinter, Springer, Stoßer angefreundet haben. Zumal die Olympische Spiele davor in Moskau und danach, das war schon zu ahnen, in Los Angeles eines großen Teil der Medaillenkandidaten ermangelten. Der Politik sei Dank.

Und was haben wir frühen Tartan-Aficionados in Helsinki 1983 erkannt, natürlich für immer? Dass der schnellste Mann der Welt aus den USA kommen müsse. Und im Zweifel Carl Lewis heißen sollte. Der nicht nur schnell, sondern, genau so wie Michael Jordan  übrigens, auch ein ausnehmend gut aussehender Mann war. Vielleicht sogar noch ist, man sieht den Carl nur zu selten.

Carl Lewis verpasst Olympia-Qualifikation über die 100 Meter

Lewis gewinnt also 1983 vor dem bei weitem nicht so gut aussehenden Calvin Smith, 1984 in Los Angeles, 1988 nach Disqualifikation von Ben Johnson auch in Seoul. Theorie bestätigt: Im Zweifel sind die US-Amerikaner die schnellsten. Und im naiven Selbstverständnis des Teenagers auch sauber. Dass Carl Lewis im fortgeschrittenen Alter noch einmal den Schritt zur Zahnspange gewagt hat, hatte sicherlich nichts mit dem vehementen Einsatz von Wachstumshormonen zu tun.

Wie zum Henker konnte dann Linford Christie 1992 in Barcelona olympisches Gold holen? Nun, zum einen war Christie kein Nasenbohrer, hatte schon 1988 eine Bronzene geerbt. Dann war unser persönlicher Held Lewis bei den US Trials in der Qualifikation gescheitert. Und, nicht zu vergessen, natürlich stand Christie dem Rest des Feldes pharmazeutisch um nichts nach. Auch wenn er erst 1999 bei den Doping-Fahndern auffällig wurde. Einen Verdacht gab es schon 1988, aber dem IOC war die gute alte Ginseng-Tee-Ausrede gut genug.

Linford Christie leistet sich Fehlstart

Lewis also in Barcelona nicht dabei, Leroy Burrell sollte es für die Amis machen. Christie fabrizierte einen Fehlstart, beim nächsten Versuch passte Dennis Mitchell etwas nicht, der dritte Schuss saß. Und Christie machte es wie Carl Lewis und später Usain Bolt: eher bescheidener Start, dann das Feld von hinten paniert. Und in 9,96 Sekunden über die Ziellinie gelaufen. Eine Zeit, für die Bolt nicht einmal aufgestanden wäre, aber der konnte ja auf die Kräfte der jamaikanischen Spätkartoffel vertrauen.

Linford Christie also Olympiasieger, der offiziell schnellste Mann der Welt anno 1992. Was ja fast zwangsläufig zum Rittertitel in Großbritannien führt. Und irgendwie kann man Christie nach der Jan-Ullrich-Theorie nicht böse sein: es ist davon auszugehen, dass er niemanden betrogen hat. Zumindest niemanden, der in Barcelona gegen ihn gelaufen war.
Linford Christie wird heute 59 Jahre alt.