Uwe Krupp – Erster deutscher Meistermacher

Mitarbeiter des Tages, 24. Juni 2019: Uwe Krupp

Von Sascha Staat

“Ja ist es denn zu fassen? Ausgerechnet Uwe Krupp!” Genau diese Worte sprach damals der sehr geschätzte Günter-Peter Ploog, leider vor ein paar Jahren plötzlich und unerwartet verstorben, an diesem Juni-Morgen 1996. Es muss irgendwann gegen 6:30 Uhr gewesen sein. Ein Treffer von Uwe Krupp, ein harmloser Schlagschuss von der blauen Linie, entscheidet das bis dahin torlose vierte Spiel des Stanley-Cup-Finals zwischen den Colorado Avalanche und den Florida Panthers in der dritten Verlängerung.

Es ist nicht nur das “game-wining goal”, sondern es macht sowohl Krupp als auch sein Team, das erst ein Jahr zuvor von Quebec nach Denver umgezogen war, zum ersten Mal zum NHL-Champion. Der Kölner ist der erste Deutsche, dem das gelingen sollte. Moderator Christian Sprenger und Experte Lance Nethery lesen Faxe vor, die von den Zuschauern ins Premiere-Studio geschickt werden. Wolfgang Büttner spricht mit Krupp später noch auf dem Eis. Es waren andere TV-Zeiten damals.


Die Nachberichterstattung kann für einen 16 Jahre alten und völlig verrückten  US-Sport-Fan nicht lange genug dauern. Zum Glück ist sie aber zu Ende, als die Schule ruft, wobei das an diesem Tag natürlich eine völlig untergeordnete Rolle. Kaum dort angekommen fragen andere interessierte Mitschüler, ob ich das Ergebnis kennen würde. Ja, sage ich, Krupp hat das entscheidende Tor geschossen. Geglaubt wird mir erst einen Tag später, als der Videotext mich bestätigt hat.

Uwe Krupp jedenfalls hat das große Ziel seiner Laufbahn erreicht. Er ist eine Art Türöffner für andere Deutsche auf dem Weg in die stärkste Liga der Welt. Es folgen Marco Sturm und Jochen Hecht, später Marcel Goc, Christian Ehrhoff und Dennis Seidenberg, die sich dauerhaft etablieren können. Krupp gerät als Spieler irgendwie in Vergessenheit, spätestens seitdem Leon Draisatil in der NHL zu einem absoluten Topspieler geworden ist.

Wahrscheinlich aber ist er der beste deutsche Verteidiger aller Zeiten, sorry an die Kollegen Ehrhoff und Seidenberg. Krupp gewinnt den Cup nochmal mit Detroit, wenn auch ohne großes Zutun. Als er zu den Red Wings wechselt und dort einen hochdotierten Vertrag unterschreibt landet die Meldung auf der ersten Seite der USA Today. Damals war Krupp eine große Nummer. Später wird er ein im Rahmen der Möglichkeiten erfolgreicher Nationaltrainer, inklusive Rang vier bei der Heim-WM 2010.

Es muss so um 2014 sein, als ich im Krupp-Trikot der Quebec Nordiques, hierzulande wohl eine absolute Rarität, auf der Tribüne bei einem Spiel der Kölner Haie sitze, wo mein Eishockey-Held der 90er als Trainer hinter der Bande steht. Eine ältere Frau spricht mich an und fragt mich, wie das denn sein könne. “Ist es denn zu fassen? Ausgerechnet Uwe Krupp!”, mag ihr da wohl durch den Kopf gegangen sein, der Mutter von Krupp, wie ich später erfuhr.

Im gleichen Jahr, in der Saison zuvor und auch 2018 (mit den EIsbären Berlin) wird er Vizemeister in der DEL. Der Gewinn des Stanley Cups 1996 bleibt daher bis heute der größte Triumph für Krupp. Es ist ein Sommermärchen, das in Deutschland kaum wahrgenommen wird. Damals dachte ich: “Ist es denn zu fassen? Ausgerechnet Uwe Krupp!” Seine Mutter dachte damals wahrscheinlich genau das gleiche. Leider habe ich sie nicht gefragt. Heute gratuliere ich jedenfalls. Alles Gute, Uwe Krupp!

Dirk Nowitzki – Der Dunking Deutschman

Mitarbeiter des Tages, 19. Juni 2019: Dirk Nowotzki

Von Sascha Staat

Was schreiben über jemanden, über den jedes Wort schon verloren wurde? Sicher kein leichtes Unterfangen. Zweifelsohne ist Dirk Nowitzki einer der größten Sportler, den Deutschland je gesehen hat. Gleichzeitig ist er einer der größten Spieler in der Geschichte seiner Sportart. Heute feiert der “Dunking Deutschman” seinen 41. Geburtstag. Vor einigen Wochen ist seine beeindruckende Laufbahn zu Ende gegangen. Glückwunsch, zu beidem.


Um die Eingangsfrage zu beantworten: Vielleicht ein paar Worte aus der eigenen Erinnerung in Verbindung mit dem todsicheren “rookie of the year”? Das war jedenfalls damals meine Hoffnung, als Don Nelson (ein damaliger Trainer) einst Ende der 90er Jahre großspurig ankündigte, dass der “Germinator” bestimmt zum besten Liganeuling gewählt werden würde. Ganz knapp reichte es nicht. Nelson hatte mich angelogen. Was für eine Enttäuschung.

Zurück zu den Wahrheiten: Die Vorfreude auf sein NBA-Debüt war jedenfalls riesig und nach dem Streik meinte es der Spielplan besonders gut, denn der gute Dirk dürfte gegen den damals noch besseren Detlef Schrempf ran. Das Duell der Generation war keines. Nowitzki machte zwei Punkte, per Freiwurf. Dafür war ich extra aufgeblieben, um Himmels Willen, würde es im Desaster enden? Was dann passierte ist bekannt, es lief recht solide.

Alle, die sich im Ansatz für Basketball interessieren wissen, was alles folgte. Etliche Nominierungen für das NBA All-Star Game, Medaillen mit der Nationalmannschaft, MVP-Auszeichnungen bei der EURO Basket, der WM und für die Regular Season der NBA, aber keine Titel. Dazu eine bittere Pleite im Finale 2006 mit den Dallas Mavericks gegen die Miami Heat. Nowitzki hatte zu diesem Zeitpunkt fast alle Höhen und Tiefen erlebt, nur der ganz große Triumph fehlte noch.

Als Fan kann das schon ziemlich hart sein. Während sich überall woanders in der Liga mindestens zwei Superstars fanden, um eine bärenstarke Truppe zum Titel zu führen, war das eigene Idol immer auf sich alleine gestellt. Als es dann soweit war hing ich in Italien fest, bei guten Freunden zu Besuch. Aber wie jetzt das sechste Spiel der Finalserie 2011 schauen? Wie der Zufall so wollte waren schlaue Mobiltelefone damals ein Trend, vor dem auch ich mich nicht verschließen konnte.

Back Camera

Der NBA Daily Pass für wahrscheinlich viel zu teures Geld machte es dann möglich. Dann das wirklich spektakuläre Comeback der Mavs, Dirk rennt in die Kabine, ist Champion, MVP der Finals, hat es allen gezeigt. Bodenständig, fleißig, volksnah. Und jetzt der Beste, mit einem Team aus Veteranen wie Shawn Marion oder Jason Kidd. Grund genug um völlig durchzudrehen und darauf zu hoffen, dass die Legend im Herbst auch wieder das DBB-Trikot trägt.

Die Basketball-EM fand 2011 in Litauen statt. Da könnte man hin, denken ich ein sehr guter Freund und ich. Gesagt, getan. Flug nach Riga, von dort per völlig wildem Shuttle-Bus nach Šiauliai, in der Gruppe sind Topspieler wie Tony Parker oder Milos Teodosic dabei. Und Dirk. Dass der am Ende seiner Kräfte ist spielt da keine Rolle mehr. Hauptsache ich war mal dabei, wie der vielleicht beste deutsche Einzelsportler aller Zeiten auf dem Court stand.

Es war der Höhepunkt, dieser Sommer 2011, für alle Fans von Dirk Nowitzki. Alles, was danach kam, war Zubrot. Die Meilensteine, die Anerkennung und der Respekt. Die Talente, die alle so sein wollten wie er, groß, beweglich, treffsicher. Er hat den Basketballsport mit seiner Spielweise verändert, überall auf der Welt. Der Junge aus Würzburg, Germany. 21 Jahre in der NBA, bei einer Franchise. Einzigartig. Und einzigartig bemerkenswert. Alles Gute, Dirk, zum ersten Geburtstag als Rentner!

Diese Woche … in der Handball-Bundesliga, KW 24

Von Sascha Staat

Jubel, Trubel, Traurigkeit

Womit anfangen nach einer mal wieder historischen Woche im Handball? Dass heute Abend die deutsche Nationalmannschaft in Israel ein Spiel in der EM-Qualifikation bestreitet und diese dann am Wochenende in Nürnberg abschließt, ist momentan ganz sicher eine Randnotiz. Denn die wichtigen Schlagzeilen schreibt momentan die DKB Handball-Bundesliga. So hat sich die SG Flensburg-Handewitt zum zweiten Mal in Serie und zum dritten Mal überhaupt den Titel sichern können. Am letzten Spieltag machten gut 2.500 Fans, die aus dem Norden mitgereist waren, die Partie beim Bergischen HC im mit über 10.000 Besuchern dem Anlass entsprechend gefüllten ISS Dome in Düsseldorf fast zu einem Heimspiel.

Nur vier Minuspunkte bei zwei Niederlagen (in Magdeburg und Kiel wurde mit einem bzw. zwei Toren Differenz verloren) sprechen eine klare Sprache, der Titel ist mehr als verdient. Dabei ragte in seinem letzten Jahr als Aktiver Abwehrchef und Kapitän Tobias Karlsson ebenso heraus wie der Däne Rasmus Lauge. Er wurde zum MVP der Liga gewählt, als Nachfolger des fünffachen  Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen. Trainer Maik Machulla ist übrigens erst der zweite Trainer, der in seinen ersten beiden Jahre in der Bundesliga jeweils den Titel holt. Das schaffte vor ihm nur Klaus Zöll 1978 und 1979 mit dem TV Großwallstadt. Dem Meister(coach) gelang also Historisches.

Dramatisch war es bei den Flensburgern zum Ende hin selten, ganz im Gegenteil zum Abstiegskampf, wo gleich drei Teams noch die Chance hatten in der Liga zu bleiben. Zwei davon, die SG BBM Bietigheim und der ruhmreiche VfL Gummersbach, trafen sogar im direkten Duell aufeinander. “The winner takes it all” lautete das Motto, ein Remis würde allerding die Eulen aus Ludwigshafen, die auch zwei Jahre nach der Namensänderung oft noch als TSG Friesenheim bezeichnet werden, wieder mit in die Verlosung bringen.

Der Leser kann es sich an dieser Stelle denken, Bietigheim und Gummersbach trennten sich Unentschieden, es kam also auf die Eulen an. Die lagen in ihrem drittletzten Spiel zuhause gegen den Bergischen HC schon mit acht Treffern zurück, gewannen die Partie aber ebenso wie das Spiel bei den hochfavorisierten Rhein-Neckar Löwen und in allerletzter Sekunde auch noch die Begegnung gegen GWD Minden, weil der letzte Wurf der Gäste das Ziel verfehlte. Das nennt man ein Comeback. Gummersbach, der Handball-HSV, trauert nach 53 Erstligazugehörigkeit inklusive Vereinsikone Heiner Brand tief.

Ein Blick zurück auf das Wochenende zuvor sollte nicht fehlen. Warum? Weil Handball in Mazedonien eine andere Nummer ist als überall woanders. Vardar gewann trotz großer finanzieller Sorgen mit einer Rumpftruppe sowie dem Deutschen Christian Dissinger die Champions League. Das halbe Land feierte die Helden von Köln bei ihrer Rückkehr nach Skopje. Sowas sieht man hierzulande leider nur im Fußball. In Mazedonien sind die Spieler jedenfalls Legenden. Und unsterblich.

Gepostet von RK Vardar am Montag, 3. Juni 2019

 

Wie immer, es war gut was los im Handball. Business as usual.

Miroslav Klose – Der Größte und der Stillste

Mitarbeiter des Tages, 09. Juni 2019: Miroslav Klose

Von Sascha Staat

Vielleicht ist er der stillste, größte Fußballer, den Deutschland je hervorgebracht hat. Oder Polen, je nach Sichtweise. Denn Miroslav Klose stammt eigentlich aus Opole, zu Deutsch Oppeln, in Oberschlesien. Seine Heimat verließ er jedoch schon früh, da sein Vater ein Angebot aus Frankreich erhielt, kurz nach dessen Geburt. Sechs Jahre war Klose alt, als es seine Familie in die Pfalz zog. Sein erster Verein war die wenig ruhmreiche SG Blaubach-Diedelkopf. Kaum jemand sah in ihm einen kommenden Weltstar, auf seinen Durchbruch musste er lange warten. Der FC Homburg und die Amateure des 1. FC Kaiserslautern wurden zu Zwischenstationen auf seinem Weg nach ganz oben.

Wie es weiterging ist bekannt. Klose traf und traf und traf. Und war beliebt, weil bescheiden, auf all seinen Stationen. Doch nirgendwo genoss er wohl so eine große Wertschätzung wie in Italien. Als sein Wechsel von den Bayern zu Lazio verkündet wurde, waren viele überrascht über seine Entscheidung. Doch binnen weniger Wochen wird er zum Helden seiner neuen Tifosi. Es ist der 16. Oktober 2011 und sein neuer Verein hat seit 2,5 Jahren nicht das Derby gegen den verhassten Stadtrivalen, der Roma, gewinnen können. Welche Bedeutung sein Siegtreffer in der Nachspielzeit für die Laziali hat, lässt sich anhand von Aufnahmen aus der Fankurve nur erahnen.


Die Geschichte wäre aber nur halb so spannend, wenn der Autor nicht zufällig auch im Stadion gewesen wäre.  Zum gefühlten 20. Mal beim Stadtderby in Rom. Die Atmosphäre ist spektakulär, das Ambiente besonders, vor allem wenn man sich vom Kern der leider faschistischen Ultras fern hält. Eine Gruppe internationaler Lazio-Fans, die sich unter anderem gegen die falsche politische Gesinnung anderer einsetzt, macht jedes Derby zu einem großen Treffen. So auch im Herbst 2011. 

Wie immer stehe ich aber ein wenig fernab des Trubels am Ende des Treppenaufgangs. Neben mir steht eine ältere Frau, circa 50 Jahre alt. Sie macht sich Sorgen, dass Lazio mal wieder nicht gewinnt. “Miro macht das schon”, sage ich ihr. Sie wirkt ungläubig ob meiner Aussage, die ich nochmals bekräftige. “Keine Sorge, Miro erledigt das.” Als Klose trifft und das Spiel kurz danach beendet ist fällt sie mir um den Hals. “Du hattest Recht”, brüllt sie, “Du hattest Recht!”

Gut drei Jahre später macht er sich endgültig zu einer absoluten Größe in der Fußballhistorie. Er wird Weltmeister, erzielt die meisten Treffer bei WM-Turnieren überhaupt. Er beendet seine Karriere außerdem als bester DFB-Torschütze aller Zeiten, noch vor Gerd Müller. Miroslav Klose ist eine Legende seiner Sportart. Nicht nur in Rom oder in Deutschland, sondern weltweit. Er ist kein Ronaldo, Messi oder Ibrahimovic.  Seine Fußstapfen hat er dennoch hinterlassen. Da kann man nur gratulieren. Zum Geburtstag und dazu, dass man auch fast unbeobachtet herausragen kann.

Marco Reus – Warten auf das Happy End

Von Sascha Staat

Marco Reus ist so ein wenig der tragische Held der deutschen Fußballneuzeit. Immer wenn es darauf ankam, war der Dortmunder nicht mit dabei. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, die seiner Karriere in der Nationalmannschaft. Heute wird Reus 30 Jahre alt. Irgendwie kaum zu glauben, aber er ist dann doch schon länger mit dabei als viele denken. Sein Stern ging auf, als er mit seinem Ex-Club Borussia Mönchengladbach am Abgrund stand. Relegation 2011, gegen den VfL Bochum. Den Fohlen drohte der erneute Abstieg in die Zweitklassigkeit. Das Hinspiel hatte sein Team mit 1:0 gewonnen, im Rückspiel führte Bochum durch ein Eigentor mit 1:0. In einem grausamen Kick deutete alles auf die Verlängerung hin, doch Reus traf zum Ausgleich und Gladbach blieb in der Liga.

Nur ein Jahr später war Reus Fußballer des Jahres geworden. Schon während der Saison war klar, dass seine Zukunft nicht am Niederrhein liegen würde. Die Heimat rief, der BVB, und der verlorene Sohn kehrte in seine Geburtsstadt zurück. Zu dem Verein, der ihn einst für zu schlecht befand. Zuvor durfte er sein erstes Turnier im DFB-Trikot absolvieren. Im EM-Viertelfinale 2012 gegen Griechenland spielte er famos auf, im Halbfinale saß er dann plötzlich wieder auf der Bank. Gegen Italien war Deutschland chancenlos, weil Reus nicht mit dabei war. Bundestrainer Joachim Löw entschied sich für Lukas Podolski. Das Ergebnis ist bekannt. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Reus und das Trikot mit dem Adler, es blieb eine Art Hassliebe.


Reus und Titel, es blieb ebenfalls eine lange Sehnsucht. Zusammen mit Mario Götze brillierte er in seinem ersten Jahr in Schwarzgelb vor allem in der Champions League, doch die traumhafte Saison des BVB wurde im Finale jäh gestoppt. Genau wie im DFB-Pokal. Gleich drei Mal verlor Reus das Endspiel. Dazwischen lag die verpasste Weltmeisterschaft 2014, nachdem er ich in einem Testspiel vor dem Turnier schwer verletzt hatte. Auch die EM 2016 fand ohne Reus statt.

Als es dann endlich was zu feiern gab konnte Reus nur bedingt mithelfen. Im Pokalfinale 2017 musste er zur Halbzeit verletzt vom Platz und der Triumph von Berlin fühlte sich für Borussia Dortmund nach einem turbulenten Jahr mehr wie eine große Erleichterung als eine große Freude an. Wieder im Kader stand er dann bei der Weltmeisterschaft 2018, das Ende ist bekannt. Mittlerweile schwärmen, wiedervereint mit seinem Lieblingstrainer Lucien Favre, viele vom besten Reus aller Zeiten. Er ist Kapitän, frischgebackener Vater und das Gesicht das Vereins. Dass er in der wohl besten Saison seiner Kariere wahrscheinlich erneut ohne Titel bleibt, es passt irgendwie zu der Geschichte von Marco Reus. Eine tragische Figur, auf die irgendwann vielleicht doch noch ein Happy End wartet.

Paul Gascoigne – Zwischen Genialität und Wahnsinn

Von Sascha Staat

Pures Talent und Genialität, aber auch der blanke Wahnsinn, sie kamen während und nach der Karriere von Paul Gascoigne so zusammen wie bei kaum einem anderen Spieler in der Geschichte des englischen Fußballs. George Best reloaded, sozusagen. Dass die Briten generell stark am Tresen sind, stellte der 1967 in Gateshead geborene Mittelfeldkünstler regelmäßig unter Beweis. Er rauchte, trank und zockte. Aber vielleicht sorgte auch das dafür, dass Gazza bei seinen Landsleuten so beliebt war. Insbesondere der Fan der 80er und 90er konnte sich mit dem Gegenteil eines Musterprofis besonders gut identifizieren. Ein Vorteil vielleicht, ein Klischee, durchaus. Aber Gascoigne bediente es wo er nur konnte.

Auf sich aufmerksam gemacht hatte er zwischen 1984 und 1988 im Trikot von Newcastle United. Danach folgte er dem Lockruf der Tottenham Hotspur. Doch sein Übergewicht sorgte beim Club aus London für Startschwierigkeiten. Auch das passte bestens ins Bild. Sein Stern ging endgültig auf, als er dann während der Weltmeisterschaft 1990 in Italien mit England bis ins Halbfinale stürmte. Zu diesem Zeitpunkt war Gascoigne erst 23 Jahre alt und die Fußballwelt stand ihm offen. Bei der WM hatte er wohl so einen bleibenden Eindruck auf dem Stiefel hinterlassen, dass Lazio ihn im Sommer 1992 unter Vertrag nahm. Zuvor hatte er wegen eines Kreuzbandrisses ein Jahr pausieren müssen. Die Ironie dabei war, dass er sich bei einem Foul verletzte, das er begangen hatte. Wieder eine Szene, die ins Bild passte.

Seine Vorstellung bei Lazio sorgte für großes Medienaufkommen. Da ließ sich der Showman natürlich nicht zwei Mal bitten und sprach in Richtung von Club-Präsident Sergio Cragnotti lobende Worte in Bezug auf dessen Tochter. “Tua figlia, grande tette.” Das Bild des Machos war mal wieder bestätigt. Gascoigne wurde schnell zum Helden der Laziali, aber Verletzungen bremsten ihn immer wieder aus.

Sein Wechsel zu den Glasgow Rangers nach drei Jahren in Rom verhalf ihm dann aber nochmal zu seinem letzten sportlichen Frühling. In Schottland wurde er verehrt, zum Fußballer des Jahres 1996 gewählt und auf dem Weg zur Heim-EM wieder eine wichtige Größe in der englischen Nationalmannschaft. Sein Tor in der Gruppenphase gegen den großen Rivalen aus Schottland ist unvergessen bei vielen Fußballfans, genauso wie sein provokanter Jubel im Anschluss.

Es folgten nach drei Spielzeiten in Glasgow noch je zwei Jahre in Middlesborough und Everton, bevor er leidgeplagt 2004 seine Schuhe an den Nagel hing. Aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand er danach allerdings nicht. Er blieb dem Alkohol, Schlägereien und anderen Skandalen treu. Eine Entziehungskur jagte die nächste. Irgendwann wird sein Körper den Strapazen nicht mehr standhalten können. Heute wirkt Gazza wie ein Fußballer aus einer fernen Zeit. Er war ein Genie, das noch heute sich und andere in den Wahnsinn treibt. Aber auch ein wenig ein Spieler, nachdem sich viele sehnen. Ohne Skandale, einfach nur genial.

Diego Simeone – Fußball mit jeder Faser

Mitarbeiter des Tages, 28. April 2019: Diego Simeone

Von Sascha Staat

Es ist Sonntag, der 22. September 2002 und ich sehe ihn das erste Mal live im Stadion, Diego Simeone. Den Spieler, den viele mittlerweile nur noch als Trainer von Atlético Madrid wahrnehmen. Dort zieht er an der Seitenlinie in fast jedem Spiel eine Show ab. Doch oft wird vergessen, dass er auch als Aktiver kaum zu bremsen war. Simeone markiert in der 86. Minute per Kopf den einzigen Treffer des Spiels zwischen Torino Calcio und seinem Verein, Lazio.

An diesem Nachmittag Anfang der 00er Jahre haben sich satte 13.464 Zuschauer in eines der hässlichsten Stadien der Fußballhistorie, das Stadio delle Alpi verloren. Es zieht wie die berühmte Hechtsuppe. Im Oberrang hinter dem Tor ist nur schwer zu erkennen, wer am anderen Ende vor den Ball tritt. Als das einzige Tor der Partie fällt muss der Stadionsprecher herhalten um zu verstehen, dass Simeone seine Mannschaft zum Sieg geführt hat. Mit einem Kopfball, wie so oft.

Gut zweieinhalb Jahre zuvor traf er an gleicher Stelle ins Mark des Stadtrivalen Juventus, mitten im Titelrennen. Es war die Aktion, die Lazio im Endeffekt den zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte bescherte. Tore, die sinnbildlich stehen für den Spieler, aber auch den Trainer Diego Simeone. Jemand, der den Fußball mit jeder Faser seines Körpers liebt, der Leidenschaft, Wille und Kampf über alles andere stellt. Nicht selten über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, da auch Simeone selbst sich kaum bremsen kann.

Diese Woche … im Handball, KW 14

Von Sascha Staat

Hamburg, Alfreds Perle

Was sieben Tage im Handball alles so bringen können ist doch schon ziemlich erstaunlich. Ein Final Four im DHB-Pokal, eines in der SEHA League (bitte was?), eines im ungarischen Pokal und ein Topspiel in der Frauenbundesliga, bei der es um die Meisterschaft geht. Wohin also fahren? Natürlich, Hamburg muss es sein. Nur Hamburg darf es in diesem Fall sein. Im Handball wohl die Mutter aller Final Four. Kiel, Magdeburg, Berlin, Hannover. Herrlich.

Das Schöne an so einem Turnier ist natürlich, dass in der Regel mindestens ein Club dabei ist, der sich auf eine große Anzahl an Fans berufen kann. Der THW Kiel und der SC Magdeburg sind dahingehend die beiden Schwergewichte der Liga. Ebenfalls herrlich. Aber die Fans der TSV Hannover-Burgdorf und der Füchse Berlin ließen sich nicht lumpen. Umso besser, es war mal wieder angericht. Noch dazu mit Frühlingswetter vom Allerfeinsten. Jacke rein, T-Shirt raus.

Wie fast schon traditionell boten schon die Halbfinals Spannung pur. Magdeburg schlug Hannover mit dem Schlusspfiff und dank 15 Treffern von Michael Damgaard, der damit einen neuen Rekord für das Final Four aufstellte. Kiel überzeugte zwar gegen Berlin, gewann aber auch nur mit zwei Toren Unterschied.  Was würde also das Finale bringen? Immerhin hatte der SCM die Zebras in dieser Saison in der Liga beide Male geschlagen, in überzeugender Art und Weise.

Gut, dass der THW auf Alfred Gislason Vertrauen konnte. Es war sein letztes Final Four als Trainer, im Sommer ist Schluss. Er setzte auf einen komplett anderen Rückraum als am Vortag, das zahlte sich aus. Kiel blieb auch in kritischen Phasen cool und gewann verdient den Pokal, den Kapitän Domagoj Duvnjak nach der Übergabe sofort an seinen Coach überreichte. Es war ein passender Abschied für Gislason aus Hamburg.

Und die SEHA League, eine von Gazprom finanzierte kleine Champions League, die Prinzenklasse sozusagen? Dort räumte Christian Dissinger mit Vardar Skopje den Titel ab, wurde im Endspiel aber Opfer der überharten Spielweise des Gegners aus Zagreb und landete mit einer ausgekugelten Schulter im Krankenhaust der weißrussischen Metropole Brest. Seine Mitspieler widmeten ihm den Pokal. In Mazedonien haben sie ihn bereits in sein Herz gechlossen.


Im ungarischen Pokal schlug Pick Szeged dem großen Telekom Veszprem mal wieder ein Schnippchen, wie schon im Vorjahr. Da stand wohl jemand beim Favoriten auf der Leitung. Spannung scheint derweil in der Frauenbundesliga bis zum letzten Spieltag garantiert zu sein. Der Thüringer HC schlug Spitzenreiter SG BBM Bietigheim mit 24:23. Die Tordifferenz wird also dem Anschein nach am Saisonende entscheiden, wer den Titel holt, denn beide Teams sind aktuell punktgleich.

Was kommt jetzt? Bei den Männern steht erstmal die EM-Qualifikation an. Deutschland trifft zwei Mal auf die Polen, deren große Generation sich schwer mit der Suche nach adäquaten Nachfolgern tut. Zwei Siege für das DHB-Team sind Pflicht. Damit wäre das Ziel, im nächsten Jahr im Januar über Trondheim (Vorrunde) und Wien (Hauptrunde) das Finalwochenende in Stockholm zu erreichen. Ein wilder Trip und mit ein Grund, warum Europas Topspieler die Kampagne #dontplaytheplayers starteten.

Wie gesagt, es war gut was los im Handball. Business as usual.

Simone Inzhagi – Aus dem Schatten des Bruders

Mitarbeiter des Tages, 05. April 2019: Simone Inzaghi

Von Sascha Staat

Simone Inzaghi, Jahrgang 1976 und geboren in Piacenza, verfolgt seit jeher der Schatten seines großen Bruder Filippo. Der war einst Torjäger vom Dienst bei Juventus und Milan, auch international eine Hausnummer und gewann mit Italien 2006 den WM-Titel. Als Trainer jedoch scheint er seinem “Fratello” etwas voraus zu haben. Aktuell sitzt er bei Lazio auf der Bank und betreut die erste Mannschaft seit 2016, nachdem er sich als Verantwortlicher diverser Jugendteams im Verein hochgearbeitet hat. Zwei Mal konnte er die Coppa Italia mit der “Primavera” ergattern, immerhin. Derweil wird “Pippo” als Coach ein wenig durchgereicht…

Dabei ist auch ein Mann für die Geschichtsbücher, zumindest war er das für ein paar Jahre. Denn Inzaghino, wie auch genannt wird, hielt bis zum 7. März 2013, als Lionel Messi Bayer Leverkusen zum Fraß vorgeworfen bekam und gleich fünf Mal ins Schwarze traf, den Rekord für die meisten Tore in einer Champions-League-Partie. Okay, er teilte ihn sich mit Größen wie Dado Prso oder Sergey Juran, aber immerhin. Im März 2000 wurde Olympique Marseille von Lazio mit 5:1 aus dem altehrwürdigen Stadio Olimpico gefegt, als die Biancocelesti noch eine formidable Startruppe aufboten. Dass er noch einen Elfmeter vergab, Schwamm drüber.

Nach seiner aktiven Karriere war schnell klar, dass Inzaghi den Weg des Trainers einschlagen würde. Eine Auszeit gönnte sich trotz insgesamt 16 Jahren als Profi nicht, sondern nahm das Angebot seines Clubs Lazio dankend an, um dort im Jugendbereich seine ersten Sporen als “Mister” zu verdienen. Nach dem ersten Jahr übernahm er die B-Jugend, nach weiteren drei Spielzeiten die A-Jugend. Als dann im April 2016 ein Nachfolger für Stefano Pioli gesucht wurde, stand Inzaghi parat und steht seitdem in der Serie A an der Seitenlinie.