Yogi Berra – It ain´t over …

MItarbeiter des Tages, 12. Mai 2019: Yogi Berra

Von Axel Goldmann

Als Richard Brinsley Sheridan im Jahr 1775 sein reichlich banales Lustspiel „Die Rivalen“ im Londoner Covent Garden uraufführen ließ und seine Protagonistin Mrs. Malaprop mit falsch verwendeten hochenglischen Wörtern und, bis zur Unverständlichkeit verschachtelten Sätzen, zum Gespött der Zuseher machte, wird er nicht damit gerechnet haben, dass sich aus diesem Kniff der moderne Begriff des „Malapropismus“ bilden würde. Die per Definition „unabsichtliche Verwendung eines ähnlichen klingenden, aber von der Absicht her falschen Wortes“. 

Wir kennen das. Mit „Man muss das alles nochmal Paroli laufen lassen“, z.B. erstaunte Horst Hrubesch nicht nur den Fragesteller nach dem unbefriedigenden 1:1 Deutschlands gegen Rumänien, sondern fand sich alsbald auch in sämtlichen lustigen und weniger lustigen Sprüche-Sammlungen von Print bis Internet wieder. Wie gesagt, wir kennen das. Wenn Thorsten Legat Spätzle für Geflügel hält oder Ottmar Hitzfeld von alternativen Möglichkeiten fabuliert, wenn Franz Beckenbauer in die Kamera guckt wie ein Rehkitz vor dem überqueren der Autobahn und dann seine Weisheiten aus 500 Jahren Sportler-Dasein zum Besten gibt, ach, es gibt der Beispiele dutzende. 

Im Olymp der Linguistik

Doch es gibt nur einen König. Einen, der diese Form des Ausdrucks zu einer Kunstform erhoben hat, der im Olymp der Linguistik direkt neben Mrs. Malaprop Platz genommen hat und derart legendär ist, dass er eine eigene Kategorie innerhalb des Malapropismus bekam. Nein, wir reden nicht von Lothar Matthäus, sondern, natürlich von Yogi Berra. Dem großen Yogi Berra. In Deutschland eher eine unbekannte Nummer, weil sein Sport hierzulande leider immer noch ein Schattendasein fristet. Berra war Baseballer. Einer der erfolgreichsten noch dazu. 13 Mal gewann er die World Series, 15 Mal wurde er zum All Star gewählt und drei Mal zum MVP der MLB. Ihm zu Ehren wird die Nummer 8 bei den New York Yankees nicht mehr vergeben, er ist selbstverständlich Mitglied in Cooperstown, der Hall of Fame des Baseballs und Teil des MLB All-Century-Teams. Als Schlagmann brachte er 1.430 Runs nach Hause und dennoch, all seine Titel, sein Können und sein Talent sind nicht der Grund, warum heute noch jedes Kind in Amerika den Namen Yogi Berra kennt. Nein, der Grund sind seine „Yogiisms“, seine missverständlichen, lustigen, falschen oder sinnsuchenden Sprüche.


„Yogiisms“ eben. Es gibt keinen anderen Ausdruck, weil man nicht unterscheiden kann zwischen humoristisch gemeinten Sätzen, falsch verwendeten Wörtern, Motivationsversuchen oder völlig ernst gemeinten Ausdrucksversuchen. Yogi Berra war der Michelangelo der Kalendersprüche und ist bis heute der Schutzheilige unzähliger Motivationstrainer. 

No matter where you go, there you are“ zum Beispiel. Er lächelt dabei und sein jungenhaftes, vom Jokus durchtriebenes Gesicht gibt keinen Hinweis ob er sich gerade lustig macht oder es so meint. Okay, Yogi. Sachlich richtig. Und jetzt? Es gibt keine Erklärung. 

Hoffnung gibt es immer

In einer Tour liefert Berra diese Bonmots. „You can observe a lot by watching“, erklärte er weise. „The future ain’t what it used to be“ nimmt einer ganze Generation Seattler Musiker das Trademark für Grunge ab und seine nahezu welterklärende Philosophie „In theory there is no difference between theory and practice; in practice there is“, knackt noch heute die Köpfe. 

Aber sein berühmtester Ausdruck hat noch heute Gültigkeit. „It ain’t over ’til it’s over“, bemerkte er klug und wirkungsvoll und gibt damit bis heute jeder noch so verfahrenen Ausgangslage einen Konter. Solange es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei. Ob Jürgen Klopp genau dies seinen Spielern vor dem Rückspiel gegen Barcelona an die Kabinentür hämmerte? Vielleicht war es genau der Satz, der Michael Chang 1989 gegen Ivan Lendl durch den Kopf ging, während er von unten aufschlug, weil sein Körper die Kraft für den Überkopf-Aufschlag nicht mehr erbringen konnte. Oder, wir wissen es nicht, vielleicht schrie auch Tom Brady diesen gültigsten aller Yogiisms über den Kunstrasen des NRG Stadium in Houston, als seine Patriots scheinbar aussichtslos mit 3:28 im Superbowl gegen die Atlanta Falcons zurück lagen. 

It ain’t over ’til it’s over“. Hoffnung gibt es immer. 

Berra war ein Meister der Selbstvermarktung und beileibe kein Dummkopf. Er schrieb mehrere Bücher, eröffnete sein eigenes Museum, vermarktete sich als Sidekick-Attraktion im US-amerikanischen TV und spielte ganz bewusst mit dem Image des Zen-Master des Baseballs. 

Am 22. September 2015 starb Yogi Berra. „It’s tough to make predictions, especially about the future“, sagte er noch. Das stimmt zwar, aber seine Zitate, seine Yogiisms werden weiter ein fester Bestandteil der Baseball-Kultur bleiben. Soviel ist sicher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.